„Groß ist des Vorurteils bindende Kraft“, schreibt Nestroy 1847 in seinem „Schützling“. Als hätte er damals schon geahnt, dass VW seinen Golf einst tatsächlich mit einem Dreizylinder – Motor anbieten würde. Die Fragen, die hier aufgeworfen werden, sind, ob der über 1,2 t schwere Golf mit diesem kleinen Maschinchen überhaupt in Bewegung gesetzt werden könne. Oder ob er mit dem Hubraum von drei Dosen Bier auch Steigungen bewältigen könne. Und wie würde sich das anhören?

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Der Golf wird wieder eckiger…….

Barbara Raffeiner, ihres Zeichens Assistentin der Geschäftsleitung, setzt mich in den Golf und wünscht mir viel Spaß. Ich überlege kurz, ob ich diese Art von Zynismus schätze, aber gleich nach dem Losfahren wird klar, dass ich den Dreizylinder mit sofortiger Wirkung aus dem Kanon meiner liebsten Vorurteile zu streichen habe. Der Turbo setzt sehr früh ein und zieht den Wagen spielerisch über das Drehzahlband. Dreht man ihn hoch, so entwickelt er sogar so etwas wie einen Sound, der mit einer psychisch labilen Sportauspuffanlage nach einem Golf R klingen könnte. Quot erat demonstrandum.

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……..und glänzt hier in staatstragendem Schwarz.

Der Golf lässt sich sehr sportlich bewegen, sein Fahrwerk spielt dabei mit und die Sitze brillieren durch hervorragenden Seitenhalt. Allerdings ist es wider seiner Natur, sich hetzen zu lassen, denn ginge es um den reinen Fahrspaß, würde GTI draufstehen. Hier steht jedoch „Blue Motion„.  Es geht also um´s Spritsparen, der Erziehungsratgeber dazu heißt „Think Blue“ und wohnt am Display in der Mittelkonsole:

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Denk blau.

Die Möglichkeiten, sparsam unterwegs zu sein, sind vielfältig. Der Golf empfiehlt frühes Schalten, also noch unter 2000 Touren. Der Dreizylinder ist gut weggedämmt und von enormer Laufruhe. Dabei gibt es so gut wie keine Motorbremswirkung, was bergab viel zu bremsen bedeutet, wenn man nicht noch einen Gang zurückschaltet. Allerdings ist gerade diese Eigenschaft der große Trumpf des Autos: Kommt man ins Ortsgebiet, schaltet man in den sechsten Gang und der Golf segelt im Standgas bei Tempo 50 lautlos durch. Fünfter Gang ist 40, vierter Gang 30. Das hat was.

Beeindruckend ist weiters, dass das 115 PS – Motörchen mit einem knackigen Dreh-moment aufwartet und dadurch auch bergauf schicke Beschleunigung ermöglicht, ohne aber extra zurückschalten zu müssen. Von der Charakteristik her ist dieser Golf wesentlich näher an einem Diesel als an einem Benziner – auch vom Verbrauch her.

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TSI = Turbocharged Stratified Injection = Direkteinspritzung plus Turbolader

Das kleine TSI – Triebwerk kommt sehr schnell auf Temperatur, was heisst, dass es schon recht bald warm ist im Auto. Im Fall bedient man die Klimaanlage, die aber als Komfortverbraucher dem Think Blue sofort unangenehm auffällt genauso wie die Sitzheizung, welche in drei Stufen wärmt bis röstet.


Das mit allerlei Knöpfchen bestückte Lenkrad schmeichelt den Händen durch seinen griffigen Lederreif; Tempomat, Lautstärke, Abstandsregler, Sprachsteuerung, Telefon und Menüführung werden von hier aus bedient und wenn man auf die Mitte des Lenkrades drückt, dann hupt was.

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Auch verfügt der Wagen über einen Einpark – Assistenten, dessen Gepiepse von sehr nervig auf weniger nervig justiert werden kann und wen das immer noch nervt, kann es auch ganz ausschalten.

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Hier hat man die Wahl der Qual.

Sound, Sender, Einparken, Abstandhalten und so weiter werden am großen Touchscreen justiert, der mit nur zwei haptischen Knöpchen auskommt.

Symphatischerweise aber wird Lüftung und Klimaanlage mit drei guten, alten, großen Drehreglern eingestellt, die sich die Arbeit mit ein paar Tasten teilen.

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Konservativ im Sinne von Feuer am Leben zu erhalten: Drehregler!

Was das Auto als Gesamtes betrifft, so lässt es sich relativ einfach beschreiben: Es ist ein Golf und der Golf ist ein über 44 Jahre kultiviertes Fahrzeug ohne Schwächen. Hätte er welche, wäre er nicht das erfolgreichste Auto weltweit. Er ist tadellos verarbeitet, hat eine Menge Platz und fühlt sich rundum grundsolide an.


Dieser Wagen hier ist erst 2500 km gelaufen und weist als Langzeit – Verbrauch 6,9 Liter aus. Allerdings ist davon auszugehen, dass ihn viele verschiedene Menschen über die Kurzstrecke getestet haben und, so wie anfangs auch ich, einmal sehen wollten, ob und wie er denn so beschleunigt. Führt man diesen Golf aber seiner Bestimmung zu, nämlich ein sparsames Auto sein zu können und bewegt ihn adäquat, ist man unter 5 Litern unterwegs, manchmal sogar unter 4. Wären dadurch Abstriche im Komfort oder im Fahrspaß zu machen, wär´s die halbe Freude, aber dem ist nicht so, im Gegenteil.

Es macht nämlich Spaß und sogar ein bisschen süchtig, so dermaßen entspannt unterwegs zu sein. Ich zögere nicht zu bekennen, dass mein Vorurteil gegenüber dem Dreizylinder falsch war. Vielmehr wurde dieser Motor zum stärksten Kaufargument für genau diesen Golf. Das zweitstärkste ist dieses: 19.480 Euro…..

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Aus jeder Perspektive ist der Golf ein Golf…..

 


Fotos & Text © Peter Philipp 2018