Einsteigen, Startknopf drücken. Kurze Stille, so, als würde der Knopf dem Motor persönlich sagen gehen, dass es gleich los geht. Dieser erschrickt, schreit laut auf und räuspert sich verschnupft. Ebenfalls erwacht sind die B&O – Hochtöner, die sich links und rechts unter der A-Säule hochfahren und auch die Displays im Armaturenbrett bringen sich in Erscheinung. 605 PS grummeln nun im Standgas dahin und warten auf Befehle.

Martin Oberwimmer, Audi – Markenleiter der VOWA, hat die Elektronik auf mich voreingestellt und die Abstimmung auf „dynamic“ geeicht. In diesem Modus ist das Fahrzeug am schärfsten, die Luftfederung senkt ihn um 2 cm ab, alle Kennlinien durchbrechen zivile Parameter, wiewohl sämtliche Assistenzsysteme alert sind, um mich im wahrscheinlichsten Fall menschlichen Versagens zu retten.

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Ein Audi A6 in der Tactical Assault Light Operator Suit.

Ich gedenke ihn sehr sanft warm zu fahren, es will ja einiges an Schmieröl auf Temperatur gebracht werden. Daher bin ich erst nach 20 Sekunden auf 200 – er könnte dieses Tempo auch in nur etwas über 12 Sekunden schaffen. 605 Pferde werden diese Geschwindigkeit wohl auch erreichen können, wenngleich nur in freiem Fall und mit einem entscheidenden Nachteil beim Abbremsen. Darin ist der RS6 performance nämlich besonders gut, aber dazu später…

Der 4l-Achtzylinder-Biturbo ist vermählt mit einer Achtgang-Automatik und sie sind ein großartiges Team. Er tischt groß auf und sie serviert, ohne dass man es merken würde, Gang für Gang. Das sorgt für brachialen linearen Vorschub, der Wagen pickt auf der Strasse, als wäre sie frisch geteert und durch das Inntal zieht ein böses Grollen.

Der RS6 performance schafft die 0-160-0 schneller als ein Ferrari F40 und wenn man auf die Bremse steigt, wundert es einen, den Airbag nicht im Gesicht zu haben. Die Werte sind auch deshalb so erstaunlich, weil der Audi für mich ein knappes PS veranschlagt, denn wir wiegen gemeinsam nach EG-Richtlinie 92/21/EWG genau 2025 kg. Die EU nimmt an, dass RS6 – Piloten zur Unterernährung neigen.

In meinem Fall stimmt das eh, doch abgesehen davon:  Der F40 hat beinahe 800 kg weniger als mein RS6 performance. Wie geht das also? Ganz einfach: Dieser RS6 performance geht nicht nur besser, sondern hat auch Keramikbremsen verbaut. Und der F40 war immer schon eine Schüssel.

Platz hat er auch keinen gehabt. Man brauchte einen Dachträger für den Laptop. Der Audi dagegen hat einen riesigen Kofferraum und Platz für fünf Menschen mit guten Mägen.


Vom Gewicht her der Idealtyp, bin ich es auch von der Konfiguration her: eine Frau, drei Kinder. Rein mit ihnen.

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Den Bekleidungratschlägen für den RS6 sind in der Bedienungsanleitung 10 Seiten gewidmet.

Die Wanderutensilien sind im Kofferraum verstaut und weil der RS6, im Gegensatz zur Schüssel, eine ganze Familie transportieren kann und weil die Kinder solche Ausflüge hassen, beginnt, so wie immer, gleich wie in unsrem alten Volvo die Diskussion bei km 1,5, sie schaukelt sich auf bei km 4,7 und kulminiert bei der ersten Ampel, km 6,8, Hall in Tirol. Sie wollen nicht wandern gehen, auch nicht, wenn wir mit 300 km/h dort hin fahren.

Hier erweist sich mein RS6 performance als Friedensstifter. Die Ampel wird grün, ich gebe Gas, die Kinder werden grün, ich bremse so sanft wie Mahatma Mohandas Karamchand Ghandi das Tempo seiner Worte.

Es herrscht wieder Ruhe, wenngleich nicht Friede.

Mit einem feinen Schlenkerer reihen wir uns auf die rechte Spur der A1 und fahren nach anderthalb Sekunden 100 km/h. Schneller darf man sich in Tirol nicht mehr bewegen. Weil wir aber mit der performance-Edition 45 Ps mehr haben als der normale RS6 mit seinen jammerwürdigen 560 PS, stehen wir in Kufstein um 0,2 Sekunden früher im Stau.

Über der Grenze aber liegt das Tempolimit sehr bald bei 305 km/h, das Wetter ist schön, die dritte Spur frei und gefühlte drei Minuten später sind wir am Ziel mit einem erregt ausknisternden Audi und drei grünen Kindern. Die Wanderung  ist wie geplant von beschaulicher Fadesse, weshalb wir darauf achten, rechtzeitig wieder zum Auto zu kommen.

Die Rückfahrt nehmen wir, weil wir ja schon ausreichend Bewegung hatten, gelassen in Angriff. Tempo 130, Musik hörend. Die Kinder wollen Ö3, ich jedoch Bach. Das famose B&O – Auditorium gibt dir das Gefühl, direkt neben Glenn Gould auf der Klavierbank zu sitzen. Der Wagen strömt im Achten lautlos dahin und Glenn singt falsch dazu. Die Kinder nörgeln und werden mit einem kurzen Klaps von 750 Nm befriedet.

Als Fazit des Ausfluges denk ich mir: Dies ist das perfekte Auto für ambitionierte AutofahrerInnen, die versehentlich Kinder gekriegt haben.

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Der Audi nach dem Bodenwischen.

Natürlich erinnert der RS6 sehr stark an den A6 im Alltagskleide, wird aber dennoch nie als ein solcher wahrgenommen. Die breiten Kotflügel, die riesigen Räder, die seinem Allrad vertieften Sinn geben, die Diffusoren, die ihn nicht zum Kleinflugzeug werden lassen und die großen ovalen Auspuffendungen deuten an, dass das Auto nicht allein dem Praktischen verpflichtet ist.

Den RS6 performance zu fotografieren ist insofern eine spezielle Herausforderung, weil es Audi – Jünger gibt. Sie sind überall, sie verfolgen dich, sie malträtieren dich mit Fragen, sie wollen selbst Fotos machen und den Sound hören, den Motor sehen, am liebsten würden sie eine Runde fahren und am allerliebsten ihn selbst besitzen.

Ist aber leider meiner.

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Optisch manifestiert sich Gefahr im Rückspiegel, wenn er dort auftaucht – wie bei jedem anderen A6 auch. Das missfällt meiner Frau sehr. Die Gefahr selbst zu bedeuten nämlich trägt die Qualität der Disharmonie unter uns VerkehrsteilnehmerInnen in sich wie in einem Swingerclub, bei dem ein Hengst Untertanen machen will, denkt mein Weibchen. Mir dagegen gefällt die technoide Optik, die Breite, die Streckung der Linie mit der Konzentration des Kraftpoles auf der Hinterachse. Die dem Luftfluss unterworfene Dachlinie auch, die anhand eines abschliessenden Spoilerchens über der Heckscheibe das Design der Partie auf eine fast anachronistische Weise abrundet, denn diese Spoiler gab es früher auch zum Draufpicken. Hier aber folgt das einer ernsthaften, ausgeklügelten Chronologie der Luftführung, weil man kann hohe Tempi in einem solchen Auto nur dann erreichen, wenn das Fahrzeug selbst noch existiert. Und so ist das gesamte Design dieser Direktive unterworfen: 305 km/h!

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In einem kräftigen Rot übrigens würde der RS6 performance ganz anders wirken. Dieser hier gibt den Unternehmer, der zu gut arbeitet. In Rot würde er eher als das wahrgenommen werden, was er ist: Ein Rennwagen. Dennoch ist die traditionelle Farbe der allermeisten deutschen Rennwägen nach dem Krieg Silber. So ist es auch die Farbe der Audis. Anthrazit, wie hier, ist Silberdunkelgrau, gilt also noch. Die Deutschen können was in der Kunst des Ingenieurwesens, weshalb die Welt sie  nicht wirklich liebt. Sie sind die dräuende Gefahr in den Rückspiegeln aller Autohersteller.

So berate ich meine Liebste: Solang du ihm vorwirfst, arrogant auszusehen, solltest du an dir selbst arbeiten. Es ist und bleibt eine Frage der Sichtweise, denn ich zum Beispiel könnte mit all seinen Vorteilen wie dem Kofferraum, den Sitzen, der B&O – Anlage nicht schlecht leben. Die aggressive Optik und die paar PS würde ich als Beiwerk lind hinnehmen. Oder findest du echt, dass er so arg aussieht? Denk mal an einen Ssangyong Actyon. Denn: Peinlich geht auch anders. Nein, meint sie, es geht eh.


Im Volvo haben wir alles immer Platz gehabt. Im Audi würde sich das nie ausgehen, sagt sie ausserdem auch noch.

Damit hat sie recht einerseits, meine Liebste. Denn tatsächlich ist es so, dass im modernen Cardesign die Kofferräume nicht mehr für so wichtig erachtet werden wie früher mal. Unser Volvo gehört noch zu den alten Frachtschiffen, dennoch verstand Audi unter einem Avant niemals einen Kombi. Denn der Avant hatte immer schon ein Schrägheck und nie einen rechten Winkel am Arsch.

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Bereit zum Abheben? Nö, Spoiler und Diffusor sind dagegen.

Es sei ein trotzdem sinnloses Auto, meint meine Frau erwartungsgemäß. Wir würden irgendwann alle darin sterben, wenn wir ihn hätten. Das nennt sich Technologie-Transfer, meine Liebste, sage ich darauf. Jeder Hersteller braucht ein bestes Pferd im Stall. BMW oder Mercedes haben auch hochgezüchtete Derivate von an sich braven Basismodellen und jeder Hersteller, der auch im Rennsport engagiert ist, will seine Kompetenzen für Menschen erlebbar machen, die keine gelernten Rennfahrer, jedoch souveräne, technikaffine PilotenInnen sind. Pilotinnen, meine Holde: ….innen! Auch Frauen können mit so einem Wagen auf einem Pass oder einer einsamen Bundesstrasse unendlich viel Spaß haben.

Adrenalin, nicht Testosteron! Wer sich so einen Wagen zulegt, hat dessen Sinn schon lange verstanden: Er liegt darin, zu sein!

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 Fotos & Text © Peter Philipp 2017