„Forget the car.“

Das ist die Ansage, die Introduktion auf dem A8-Prospekt. Reflexive Frage: Wo?

Nein, Audi meint das anders und stellt im nächsten Dreiwortesatz klar: „Audi is more“.

Es geht also weniger um das Auto selbst als um das, was es alternativ noch alles kann ausser zu stehen und zu rollen. Als prominentestes Feature im neuen A8 wird das autonome Fahren propagiert, wodurch sich der Begriff des Automobiles, des sich Selbstbewegenden also vollumfänglich gerecht würde. Tatsächlich kann er das und ich werde mich in zehn Jahren selbst auslachen im Zurückdenken, als ich anno ´18 erstmals ein Lenkrad losließ und die Fuhre sich selbst übergab.

Audi A8 L
Vollautonomes Fahren – das Lenkrad befindet sich im Kofferraum und kann geholt werden, wenn es die Situation erfordert. Grundlegendes Foto © Audi

Wir wollen den A8 aber nicht auf dieses Assistenzsystem reduzieren, weil Audi is more. Audi war aber auch schon less, vor allem der A8 und hier vor allem der allererste A8, der damals Audi 200 V8 hieß. Das war 1988 und er sah fast genauso aus wie der 100er im Bild, ebenfalls Bj. ´88. Man hatte ihm ein Facelift verpasst und den V8 reingeschoppt und, man stelle sich vor, es gab sogar einen Kombi davon. Einen einzigen. Aber dazu später.

2a079-audi_a8_3285
35 Jahre im Verlauf, doch die Genetik schlägt durch.

Martin Oberwimmer, Audi – Markenleiter der VOWA, lehrt mich in aller Kürze das Wichtigste: Das MMI kommt jetzt ohne Drehregler aus – alles ist Touchscreen und man muss ein Alzerl fester draufdrücken. Das Glas gibt ein wenig nach und antwortet haptisch wiewohl akustisch. Hat was. Überhaupt herrscht hier im Infotainment die Charakteristik von Google und Apple. Drücken, Wischen und Scrollen.

54da2-audi_a8_3137a
Allradantrieb, Allradlenkung, Luftfederung!

Martin sagt mir noch ein „alles andere erklärt sich von selbst“ und lässt mich ziehen. Mein Sohn Toto auf dem Rücksitz hat unser Gespräch nicht verfolgt, weil er ein Gerät studiert, das mit dem Herunterklappen der Mittelarmlehne zum Vorschein kam, digitales Display hatte und etwas zu können schien.

audi_a8_3307
Das Tablet im Fond – herausnehmbar, hier jedoch ins Interieur eingepflegt.

Toto und ich rollen auf die rote Ampel zu. Die Ambiente-Beleuchtung verändert sukzessive die Farbe und Toto meint, das sei aber nett und sein Gerät, das einem Tablet ähnlich sieht, könnte noch einiges mehr. Mir dagegen fällt auf, dass der kalte Sechszylinder-Diesel fast nicht hörbar ist, obwohl es -4 Grad hat. Mit 286 PS ist er übrigens das schwächste Aggregat, das in den mindestens 2t schweren A8 verbaut wird; der nächststärkere Diesel wäre ein V8 mit 435 PS. Die Benziner halten mit V6 und 340 PS bis hin zum W12 mit 585 PS, der auch im Bentley Bentayga konzertiert, dagegen.


a2ae2-audi_a8_2969
Die Fahrerlounge, hier etwas bordellesk illuminiert….

Um vorweg dieses Thema zu erledigen: Der A8 mit 286 PS wird auch vollbesetzt nicht langsamer, also reicht die Leistung. Der Diesel schnurrt selbstzufrieden vor sich hin, hat genügend Überholreserven und harmoniert prächtig mit der Achtgang-Automatik. Natürlich gibt es eine Handvoll von Einstellungen, die ihre maximale Spreizung zwischen Sparsamkeit und Sportlichkeit wählen lassen, in der Mitte liegt indes der Komfort und dieser Modus wurde uns der Liebste.

Ich bringe Toto heim, nehme am Weg noch meine Tochter Louise und ihre Mädels mit, in Komfortbefriedigung leise kreischende Pubertierende.

434be-audi_a8_3064


Abends breche ich noch auf, um den Audi abzulichten. Es schneit noch nicht, stattdessen fegt der Föhnwind durchs Inntal, jedoch nicht in seiner sommerlichen Freundlichkeit, sondern in winterlicher Feindschaft. Weil sich niemand gern draussen aufhält, hab ich Ruhe bei der Arbeit.

70430-audi_a8_3046
Der A8 mit leuchtendem Hintern haltend im Stadtgeläuf.

Meine Knipserei dauert bis Mitternacht, ich bin allein mit dem Audi und unsere Beziehung entwickelt sich. Das Panorama-Schiebedach in Kombination mit der Einparkhilfe ist genial. Die „Einparkhilfe“ ist ja etwas mehr als das, was der Begriff suggeriert. Normalerweise ist das ein Piepsen, das in einen Dauerton übergeht, je näher man an den Gegner heranrückt. Im A8 allerdings orientierst du dich am Display bis zur Abgewöhnung der Rückspiegel, so perfekt arbeitet das hier und die Kids fragten schon, wie das überhaupt gehe, dass man den Wagen aus der Vogelperspektive zentimetergenau manövrieren könne. Man glaubte mir bis zu einem gewissen Grad. Das dressierte Vögelchen mit der umgebundenen go-pro allerdings nicht mehr. Aber dazu später mehr.

audi_a8_3033


Für einen Fotografen ist so ein System der best-case. Ich brauche niemanden mehr, der mir das Auto zentimtergenau einparkt, denn ab jetzt, im A8, mach ich das allein. Ein Blick nach oben, einer ins Display und das Auto ist genau dort, wo ich es haben will…..

792db-audi_a8_3077c


„Mein Weibchen, in einer Stunde müssen wir los. Was machen die Kiddies eigentlich?“. „Naja“, sagt sie, „Toto liest, Louise macht Wellness und Niki spielt Auto“. „Ok. Und wo sind sie?“ „Im Audi……“. „Ok. Und seit wann?“. „Seit 2 Stunden….“.

Das will ich sehen. Es schneit. Niki ist am Fahrersitz und chauffiert seine Geschwister über einen holprigen Feldweg, wie es aussieht. Toto sitzt hinten und ist auf Seite 193 der 370 Seiten starken Bedienungsanleitung des A8. Und Louise lässt sich vom Beifahrersitz durchkneten. Man hört 3D – Musik über die famose B&O-Anlage.

fd755-audi_a8_3326
Niki testet autonomes Fahren: Im Navi die Adresse des Bauern und Spracheingabe „Milch holen!“. Louise ist tiefenentspannt und Toto auf Seite 193.

Die Massagesitze sind ja insofern besonders, als dass sie nicht im herkömmlichen Sinne vor sich hin vibrieren, sondern über eine fundierte fachliche Ausbildung verfügen. In drei Intensitätsstufen und sechs Modi regelbar gehen sie ordentlich zur Sache, kennen deine Triggerpunkte und solltest du verspannt sein, wird dich dein Nachbar an der roten Ampel nur deshalb nicht schreien hören, weil der Audi über schalldämmende Verglasung verfügt.

5405d-audi_a8_3013a

Abfahrt. Wir müssen in die Hauptstadt, wo das Kino steht. Mittlerweile sind wir eingeschneit, es liegt schon ein halber Meter. Die Allrad-Audis hätten ja beinahe „Quadro“ geheissen, aber Ferdinand Piëch fand, das klänge zu weich.

Der Quattro-A8 kämpft sich also rückwärts auf die Straße, die vier weitwinkligen Umgebungskameras sondieren die Ausfahrt, die Radarsensoren scannen die Straße auf Hindernisse. Was für ein Tamtam, dachte ich zuerst. Aber dass einem in diesem Wagen, vor allem bei dieser Witterung, nichts Schlimmes wiederfahren könne und vor allem diesem Wagen selbst nicht, verursacht ein Gefühl von Sicherheit wie in keinem anderen bisher gefahrenen Auto.

Durch die Allradlenkung ist nicht nur das Ein- und Ausparken ein Spaß, sondern auch das Handling in kurverreichem Geläuf. Sie macht aus dem Schiff ein agiles Schnellboot, das mit geringen Lenkeinschlägen das Kurvenfressen appetitlich gestaltet.

audi_a8_3311Der A8 liegt satt auf der Straße, die Schneefahrbahn ist ihm egal. Es fühlt sich, wie schon erwähnt, extrem entspannt an, dieses Auto zu fahren, beinahe gespenstisch sicher. Es interessiert uns natürlich, ob sich der Audi auch provozieren lässt und weil ein größerer Parkplatz am Weg liegt, fahren wir kurz rein. Wir deaktivieren alles, was wir finden können und wählen den Fahrmodus „dynamic“. Hier werden die Schaltzeitpunkte nach oben in den Bereich des maximalen Drehmomentes verlegt (ca. 3000 U/min und 600 Nm) und der Wagen duckt sich um 2 cm. Vollgas, Einlenken und siehe, ein kleiner Drift ist drin, bevor das ESP eingreift. Alles klar, dafür wurde der A8 nicht gebaut. Er ist die perfekte Reiselimousine.

b20a4-audi_a8_3357
Paradoxon: Driftversuch auf Schnee verläuft im Sand…

Wir erreichen die Metropole. Die Kinder haben sich das Tablet im 10-min.-Takt übergeben, im selben Rhythmus änderten sich Radiosender und Ambientebeleuchtung. Das Assistenzsystem, das den A8 autonom einparken lässt, kommt erst Mitte des Jahres, aber dank Allradlenkung und Kameras blieb er schadlos.

Star Wars werden wir gehen. Die Kids fragen, ob sie im Auto warten dürfen……

Star Wars aus, Audi eingeschneit. Anstatt die Heckscheibe freizumachen, parken wir per Kameras aus. Frontscheibenlüftung ein und keine zwei Minuten später klare Sicht. Dieses Auto beeindruckt uns immer mehr, denn es besticht nicht nur über die Selbst-verständlichkeit in der Funktion der Parade – Features, sondern macht auch die einfachen Themen wie Heizung, Lüftung, Klima, Scheibenwaschanlage, Licht etc. nicht bloss gut. Der A8 kann das alles besser und gerade diese grundlegenden Qualitäten schaffen die Basis für ein tiefes Vertrauen zwischen Mensch und Auto.

fa732-audi_a8_2975o
Da fährt er dahin, ganz allein.

Da es schon dunkel ist, dürfen wir das LED-Licht genießen, das wir auf Automatik gestellt haben. Wir sind ja gewöhnt an die Karbid-Funzeln unseres alten Volvo, aber was der A8 hier zeigt, ist schon sehr überraschend. Denn irgendwie scheint er zu wissen, dass wir im Ortsgebiet sind und er leuchtet verhalten, aber kompetent. Dann kommt die Ortstafel und es geht in den Wald. Im Moment blendet der Audi auf und es ist so, als würde sich der große Vorhang öffnen und eine voll ausgeleuchtete Bühne zum Vorschein kommen. Gegenverkehr verursacht eine partielle Zurücknahme des räumlichen Lichtspektrums, gleich danach wird´s wieder fast taghell.

Very impressive. Als Option soll es ja auch noch Laserlicht geben. Da wird bei Gegen-verkehr nicht mehr abgeblendet, sondern er wird verdampft.

audi_a8_3318
Hiermit wird kein Schein geworfen, sondern die Nacht auf Tag umgestellt.

Der Audi 100 war seinerzeit Weltrekordhalter im Luftwiderstandsbeiwert, je nach Ausführung lag er zwischen 0,29 und 0,34 cw. Diese Daten waren einer strömungsgünstigen Form geschuldet, die aus der Vogelperspektive über eine Spindelform von oben- und aus der Seitenansicht über eine Keilform verfügt. Das ist beim neuen A8 nicht anders. Auch wenn die Front relativ tief ansetzt und herauskragend ist, hat er doch einen ziemlichen Hintern. Als Gesamtes ist er aus jeder Sicht sophisticated, elegant, gestreckt und im Grunde dezent gezeichnet. Die Optik wird allerdings sehr stark beeinflusst von seiner Farbe und der Dimension der Räder. Mein A8 in Silber und den 19-Zöllern ist kein A8 in Mythos-Schwarz mit 20-Zoll-Alu-Gussrädern im 5-Arm-Turbinen-Design in Magnesiumoptik, glanzgedreht.

audi_a8_6919
Der A8 in Mythos-Schwarz, aber ohne 5-Arm-Turbinen-Design-Räder in glanzgedrehter Magnesiumoptik.

Gibt der A8 sich nach aussen elegant und verhalten opulent, spielt das Interieur in der Klasse der Noblesse. Leder, Holz, Alu und Glas. Optional lässt sich das alles noch in immensem Maße individualisieren, aber der A8, den wir da haben, reicht uns schon. Alles wirkt nicht nur, sondern ist hochwertig gestaltet. Die klare Struktur der Informationsträger wie Tacho und Mittelkonsole kommen horizontal und vertikal ohne volkstümliche Formungen aus und sind aus dem Material, aus dem sie gemacht wurden. Der A8 erlaubt sich keine Täuschungen, vielmehr ist er, was er ist und gerade diese Haltung ist jene, welche die Oberklasse, das Premiumsegment, als solche definiert.

In diesem Zusammenhang ist es keineswegs verwunderlich, dass der A8 auf der heurigen Autoshow in New York zum Luxury Car Of The Year 2018 erkoren wurde.

cbe48-audi_a8_double2
Der A8 und die Quellen seiner wichtigsten Komponenten: Energie (48V-Bordnetz!) und Aluminium.

„Gibt´s ihn auch als Kombi?“, möchte mein praktisch veranlagtes Liebchen wissen. Nein, mein Herz, aber wärst Du nicht meine, sondern Ferdinands Frau, hättest du einen. Denn sie hat einen, den einzigen. Er ist aber kein Kombi, sondern ein Avant, hat also keinen, du weisst schon, rechtwinkligen Arsch.

51124-audi-200-quattro-20v-avant-1989-1200x800-45ade1e1f548393c
Ursulas Avant

Abgesehen davon haben wir eine Premiere: Der A8 ist der erste Wagen, den sich die gesamte Familie vorstellen kann, zu besitzen. Taschengeld gestrichen!


Fotos & Text © Peter Philipp 2018