Martin laboriert an einem Syndrom, das beinahe in Vergessenheit geraten ist in der Vielfalt der Krankheitsbilder unter uns Menschen. Es nennt sich Bescheidenheit, wodurch sich Martin in einer doppelt ungewohnten Situation befindet, als ich ihn nach seinem Werdegang befrage, denn für gewöhnlich ist er derjenige, der die Fragen stellt und besonnen zuhört.

„Der Mensch hat zwei Ohren, aber nur einen Mund – er kann also doppelt so viel hören, als er sagen kann“. Dieser Spruch wurde zu einer Weisheit in seinem beruflichen Leben als Vermittler bzw. Verkäufer. Denn, so Martin, ist das Ergründen der ursächlichen Bedürfnisse eines Interessenten der Schlüssel zur perfekten Beratung, und das aufmerksame Zuhören münde in die richtigen Fragen. Ein kommunikatives und sprachliches Kunsthandwerk also, das Martin in einer gewissen Vollendung beherrscht.


Martin Oberwimmer ist schon seit graumer Zeit Markenleiter bei Audi, welche die Premiummarke des VW-Konzernes ist. Wie wird man Markenleiter?

Die Antwort bekomme ich nicht direkt, sondern sucht sich in der Lebensgeschichte und findet Martin dabei, mit zarten 14 Jahren den Auspuff seines Mopeds auszuräumen, die motorischen Parameter zuzuspitzen und das Teil über die Zeit so weit gedeihen zu lassen, um mit 16 Jahren die Erfahrung machen zu können, wie es sich anfühlt, mit annähernder Lichtgeschwindigkeit auf der Hallerstrasse unterwegs zu sein. Martin hatte zuvor schon an seinen Fahrrädern rumgebastelt, nun aber empfand er sich auf dem pfeilschnellen Weg zu höheren Weihen.

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Martin in dessen Audiwelt.

Als in diesem Sinne vorgeformter Mensch und einem Zeitgeist unterworfen, in dessen beruflichem Panorama ein Wirtschaftsstudium extrem uncool war, entschied sich Martin für etwas Gescheites: 1980 begann er in der VOWA und explizit bei Audi seine Ausbildung zum Automechaniker.

Etwas später wurde er, in der damaligen Fraglosigkeit sich nicht stellender Wahlmöglichkeiten, zum Heer eingezogen, kehrte aber danach wieder zur VOWA zurück, jedoch nicht als Mechaniker, sondern als Verkäufer für die damaligen Marken VW, Audi und Porsche.

Martin versucht gewandt, der Frage zu entgehen, warum er nicht in der Werkstatt geblieben sei. Nach einer Antwort dürstend bemühe ich also andere Quellen, die mich mit der Auskunft darüber beleben: Sein distinguierter Charme und seine analytischen Fähigkeiten wären seiner Umgebung stärker aufgefallen als den ausgetauschten Bremsscheiben.


Als Martin seinen Weg in der VOWA als Verkäufer begann, wurde Audi gerade richtig groß: Walter Röhrl fuhr am Pikes Peak in einem 600 PS – Audi S1 einen neuen Streckenrekord, ein Audi 100 Quattro kämpfte sich in Finnland medienwirksam eine Sprungschanze hinauf und das Paradigma  „Vorsprung durch Technik“ war auf breiter Front kommuniziert worden.

Die ersten TDi – Modelle liefen auch an und Martins Begeisterung für Audi wuchs mit jedem Modellwechsel, da stets etwas Neues daherkam, welches das ehemals unübertrefflich scheinende Vormodell in den Schatten stellen sollte. Mit der Zeit wurde Audi zur Premiummarke des Konzerns und gerade die S- oder RS- Modelle bringt Martin als Emotionsträger hier ins Spiel, weil sie aufzeigen, was die Marke zu leisten vermag –  und die Raffinessen sickerten ja von oben nach unten, also vom A8 bis zum A1, leise durch.

So etwas tauge ihm und über dieser Thematik formuliert Martin druckreife Sätze für die Audi – Werbung, während er persönliche Fragen am liebsten mit Keramiktechnologie ausbremsen würde. Denn die Frage, warum er nun Markenleiter von Audi sei, hatte er mir aufgrund seines Syndroms noch immer nicht beantwortet. Auf den Punkt gefühlt, gab er sich dennoch zu einer Stellungnahme hin: David Spirk und er wären das kleine Audi – Team und er sei halt der Ältere. Punktum.


Martin findet sich als Individuum am besten im Umgang mit KundInnen wieder, dort erfährt er Genugtuung, seine speziellen Fähigkeiten betreffend. Herausgefunden zu haben, welches Produkt zu der jeweiligen Persönlichkeit stimmt, es gemeinsam zu konfigurieren und letztlich den Traumwagen zu übergeben, seien die wiederkehrenden und sehr emotionell aufgeladenen Momente seines beruflichen Daseins, die ihm eine im besten Sinne geteilte Freude bereiten.

Es gab ja schon vor fast 30 Jahren Menschen, die bei Martin ihren ersten Golf oder Polo gekauft hatten und das jetzt für ihre Kinder tun, während sie selbst einen A6 oder A8 bei ihm ordern: Nicht wenige seiner heutigen Freunde waren einst seine ersten Kunden.

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Reden ist Silber, Verstehen ist Gold.

Als ein von Philanthropie durchwirkter Charakter fühlt sich Martin unter Menschen sehr wohl und als einer der Dienstältesten im Hause wird er substantiell wohlgelitten von Kollegin und Kollege. Von manchen wird er auf das Innige hin gemocht und von einer wurde er geliebt, was in einem Kaufvertrag kulminierte, der als Heiratsurkunde beglaubigt wurde…..


Auch seine tiefe Verwobenheit mit der Marke Audi hat ihn nicht einmal darüber nachdenken lassen, die Marke, den Beruf oder gar das Unternehmen zu wechseln. „Glücklich sind diejenigen Menschen, deren Berufe mit ihrem Charakter harmonieren“, schrieb Sir Francis v. Verulam Bacon schon 1597, als hätte er das Wesen Martins vorweg schon geahnt.


Was bringt also die Zukunft? Martins Gesichtszüge verwandeln sich vom Grüblerischen ins entsorgt Siegreiche und weil ich ihm die Sicht verstelle, beugt er sich etwas zur Seite, um den brandneuen, mythos-schwarzen A8 hinter mir zu visualisieren: „Alles, was in den nächsten anderthalb Jahren daherkommt, basiert auf diesem A8: Der neue A7, der A6, der Q8 und so weiter. Der Generationenwandel ist eingeläutet, die Modellpalette wird komplett erneuert und der A8 ist bezüglich der Technik und des Designs das Maß der Dinge!“.

Es kommen also wiederum spannende Zeiten auf Martin zu und er sieht ihnen als man on a mission mit Spannung entgegen…..

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Das Zuhören als Essenz der Lösung.

„Beim nächsten Mal würde ich alles anders machen“, ist eine Aussage, der man recht häufig begegnet, selbst wenn man sowas nicht hören möchte. Martin, der zum Sinnieren neigt, formuliert das anders und zwar invers: „Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, komme aber stets zu dem Schluß, dass ich, würde ich nochmals von vorne beginnen können, gar alles nochmals genau so erleben wollte. In meinem nächsten Leben würde ich also wieder Verkäufer sein wollen“.


Eine solche Aussage trägt eine Grundessenz in sich, die fundamental ist für die Form der Lebensgestaltung. Bescheidenheit mag ihr eine Färbung angedeihen lassen, doch Martin weiß, wer er ist und was er kann. Punktum.