Ok, nur damit das klar ist: Es gibt den Prospekt und es gibt die Realität. Und die Ideale, die im California-Prospekt zu sehen sind, sind unsere Realität nicht.

Im gesamten Prospekt werden in der Bildsprache hauptsächlich nur zwei Menschen aufgeführt. Bloß einmal kommt additiv ein älterer Herr vor, der braungebrannt mit dem Surfboard und mit einem VW T1 mit dabei sein darf. Aber genau darum geht es: Die Älteren mit dem Juvenilen zu locken, dem Paradigma einer ewigen Jugend entsprechend; und die Jugend kann sich das Auto eh eher nicht leisten.

california_coast_prosp2

Man kann beim California aus drei Konfigurationen wählen: Beach, Coast und Ocean. Alle haben sie ein Aufstelldach und unterscheiden sich im Groben dadurch, dass der Beach im Gegensatz zu Coast und Ocean keine Küchenzeile und keine eingebauten Stauräume hat. Die Küchenzeile besteht aus zweiflammigem Gasherd plus Platz für die Gasflasche, einem Kühlschrank, einem Waschbecken inkl. Wasser- und Abwassertank und Kästchen fürs Geschirr, also alles, was ein Mann für einen geregelten Haushalt benötigt. Dafür hat der Beach mehr Platz – man kann ihn als 7-Sitzer haben. Dadurch, dass bei ihm die Sitzbänke über die volle Breite verfügen, weil es ja keine Küche gibt, können unten 3 und oben noch 2 Menschen pennen.

california_coast_prosp1Kinder kommen im Prospekt nur beim Coast-, aber nicht beim Beach oder gar beim Ocean vor. Die Kinder spielen am Sandloch der Viper und der Löwe frisst Gras, so ungefähr der Prospekt in der Darstellung paradisischen Familienfriedens. Warum ist das eigentlich so, dass VW das Idealmaß der Besatzung des California auf zwei Menschen ausrichtet? Warum ist keine fünfköpfige Familie, wie wir, im Prospekt?

Weil der Coast nur auf vier zugelassen ist und nur vier Schlafplätze hat zum Beispiel.

california_coast_5898


Wir werden den California Coast für genau drei Tage haben und wollen aus dieser Zeit eine Unvergessliche machen, für uns Eltern und für die Kinder. Ich erkläre mich also bereit, im Zelt vor dem Auto zu schlafen, als schützender, vorgelagerter Rottweiler, und um Platz zu machen.

Damit ist die Diskussion um die Plätzeverteilung im VW-Schneckenhaus eröffnet. Niki will neben Mama schlafen unten, oben im Hochdach müsste daher Louise neben Toto liegen. Toto, der von seinen Freunden auch Backfisch genannt wird, schläft manchmal unrund und Louise bevorzugt ohnehin ihr eigenes Zimmer.

california_coast_5982
Will das Aufstelldach für sich.

Weil Niki nächtens gern mal laut spricht, verweigert sich Toto auf ein Arrangement mit ihm, obwohl er manchmal selbst mit den Zähnen knirscht. Ausserdem gibt es einen substantiellen Bruderzwist, der hier nicht ergründet werden kann. Zu mir ins Zelt möchte maximal meine Frau, obwohl sie lieber drinnen schlafen würde. Zusammengefasst: Es gibt keine Einigung.

california_coast_5986bros
Wollen nicht nebeneinander schlafen. 

Zeit ist kostbar und um dieses Wochenende nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, muss eine Entscheidung her. Unser Ideal scheint nicht eintreten zu wollen: Wir würden alle die Reise antreten, am Tage ferne Länder neugierig erkunden und am Abend einander bei lustigen Familienspielen genießen.

california_coast_6042
Fiktion versus Realität.

Zwischen dieser Vorstellung und der situativen Realität klafft nun aber ein weiter Graben, weshalb in nomine patriae eine großmütige Entscheidung gefällt wird: Die Reise wird trotzdem stattfinden! Louise, Toto und Niki reisen zur Oma ums Eck und meine Holde und ich ab. Wir hätten nicht gedacht, dass wir den tieferen Sinn des Prospektes (zum Thema Idealmaß) so schnell kapieren würden…..

california_coast_5799
Unsere Katze intoniert ihr Abschiedslied.

Wir ordnen unsere Gedanken und Pläne. In drei Tagen müssen wir wieder da sein, wollen aber in dieser Zeit die Welt gesehen haben. Christian Trebo,  Markenleiter der VW – Nutzfahrzeuge, meinte bei der Übergabe des California auf die Frage nach den gestatteten Kilometern, dass es nicht so tragisch sei, wenn wir etwas weiter fahren wollten, da ein Auto gefahren werden muss, um nicht im Stand zu verwelken. Wir nehmen ihn beim Wort und suchen uns ein paar Orte aus, die nicht ganz in der unmittelbaren Nachbarschaft liegen.

california_coast_5833
Und dahin wir sind.

Der Kühlschrank kühlt, die Gasflasche ist voll und das Wetter gibt sich alle Mühe, dem Ideal im Prospekt zu entsprechen. 150 PS kann der 4-Zylinder-Turbodiesel mobilisieren und kein PS davon vergeudet seine Zeit damit, gelangweilt im Motor rumzuhängen. Es ist aber Nörgeln auf hohem Niveau, denn der California ist schwer, hat aber genügend Leistung und die Schaltwege sind knackig und kurz. Dennoch bleibt halt die Variante mit 204 PS und 7-Gang-DSG, die es auch gäbe, als Stachelschwein im Hinterkopf….

Wenn man jedoch aus heutiger Sicht auf die ersten Californias zurückblickt, die es seit 1989 gibt, so sollten wir unsere Ansprüche ohnehin etwas asketischer gestalten. Denn mit den 68 PS aus dem 1,5-Liter-Ohne-Turbo-Diesel des damaligen T3 erreichte man ja auch jedes Ziel, wenngleich mit dem Esprit einer Wanderdüne.

california_coast_5930
Der California geht in seiner Raumökonomie eher als kleine Jacht denn als Auto durch. Drehbare Sitze rechts, legbare links, wegklappbares Tischchen, dahinter die Küche mit Kühlschrank, 2 – flammigem Gaskochfeld und Waschbecken, oben ein Doppelbett, das hier aufgeklappt ist, was eine Stehhöhe von über 2 Metern ergibt.
california_coast_6073
In einem einzigen California gibt es mehr Gasfelder als in ganz Tirol!

VW hatte also fast 30 Jahre Zeit, am California zu tüfteln, obschon wir bedenken müssen, dass die Camper-Tradition bei VW eigentlich bis 1951 zurückreicht, als der T1 – Samba auf den Markt kam.

volkswagen_samba_bus_by_yesterdays_paper-dblg7gw
Eine amerikanische Samba-Postkarte aus den frühen 60ern! (Foto: © Volkswagen)

Wie auch immer, der California hier legt Zeugnis davon ab, dass Erfahrung klug macht. Die Kubatur des Wagens ist ja sehr überschaubar und die Möglichkeiten, Stauraum, Wohnraum, Schlafraum, Wirtschaftsraum (Küche) und Cockpit darin unterzubringen, sehr begrenzt.

Noch jedes einzelne Mal, als das Planungsteam aus Hannover, wo der California gefertigt wird, erleichtert nach Wolfsburg faxte, dass es alles untergebracht hätte, retournierten die Wolfsburger per Eilpost, dass vorne, wo die Wassertanks angedacht seien, eigentlich der Motor sitzen wollte.

california_coast_6079.jpg
Haufenweise Fächer – kleine, grosse und sehr grosse für Dosen, Flaschen, Handys, Strassenkarten, Brillen, Taschentücher usw.. Zudem ein griffiges Lenkrad in simpelster Schönheit, also ohne Tasten oder Drehrädchen. Wie überhaupt: Klarheit und Logik nach deutscher Ingenieurskunst.

Wir sind unterwegs. Die Kilometer fliegen vorbei, der VW genießt sich in niedriger Drehzahl bei gemütlichen 120 km/h im 6. Gang und 100 PS langweilen sich im Motor. In den straff gepolsterten Sitzen mit ihren Armlehnen lungern wir ein paar Stunden rum, der Tempomat lässt uns mit großer Aufmerksamkeit die Gegend beobachten, während sie gegen Norden vorbeizieht. Anstatt für den powernap das Hochdach aufzufalten, legen wir die Rückbank um, was nach zwei, drei Wimpernschlägen erledigt ist.

california_coast_manip4
Wir sind im Süden angelangt und haben zum Sandspielen den Reifendruck auf 0,5 Bar gesenkt. Zwar graben wir uns manchmal im Weichsand ein, aber dank 4motion auch leichter wieder aus – ohne Sandbleche. Die verstärkten Stabilisatoren machen Sinn, denn fährt man die Düne auf ihrer weichen Rückseite bergab und kommt plötzlich auf die harten Mugel danach, hebt man stets gern kurz ab und landet dann technisch unverletzt wieder.*

Unser Wagen ist überhaupt recht clever zusammengestellt, was die Ausstattung betrifft und ist nicht weit vom Ocean entfernt. Die Klimaanlage für den Süden ist immer dabei, aber die Standheizung mit Fernbedienung für den Norden nicht, aber hier eben schon. Diese arbeitet akkurat und lässt uns nicht lange frösteln, sondern andere fröstelnde Camper zum Saunieren laden. Auch haben wir 2 Zusatzbatterien an Bord, welche die Standheizung und sämtliche Zusatzverbraucher versorgen und damit die Starterbatterie in Frieden lassen.

california_coast_manip1
Im Norden ist der California eine kleine Trutzburg. Dank des Allrades gibt es keinen Grund, sich vor schwierigem Terrain anzumachen und dank der Standheizung wurde es dort draussen um einen Grad wärmer, weil wir ein Fenster offengelassen hatten.**

Dieser VW hat auch eine Zuziehhilfe, was sich nicht auf die deutsche Migrationspolitik bezieht, sondern auf die Feinheit, dass Schiebetür und Heckklappe nicht zugeknallt werden müssen, um sich als geschlossen zu empfinden, sondern per E-Motor bündig in die Karrosse verfügt werden. Beide Türen sind nämlich von höherem Gewicht deshalb, weil sich in der Schiebetür ein Campingtisch und in der Heckklappe zwei Stühle befinden. An der Heckklappe, vor allem, wenn sie länger geöffnet war, ziehen wir zu dritt – oben ich, weil ich größer bin, ab der Mitte mein Weibchen und ich und unten der E-Motor und wir.

california_coast_manip7a
Der California auf seinem liebsten Untergrund: Da ist Federungskomfort gefragt und vollbeladen gleitet er einer Sänfte gleich über Stöck- und Steinchen. Nichts knistert, scheppert oder fällt vom Auto ab.***

Diese kleine Erschwernis steht aber im Hintergrund in Anbetracht des easy-handlings aller anderen Komponenten. Das Vehikel lässt sich ja bewegen wie ein grösserer PKW – alles Servo, benutzerorientiert und überschaubar.

Was der Ocean hat, der Coast aber zum Glück nicht, ist das elektrische Aufstelldach. Wie kommt man sich denn vor? Genau. Wie jemand, der nicht in der Lage wäre, zwei Sicherheitsclips zu lösen, die beiden Verankerungen zu öffnen und das Dach mit einer Hand nach oben zu hieven. Peinlicher wäre nur noch, das Rollo elektrisch ausfahren zu lassen. Denn dieses lässt sich so schnell in Position bringen wie das Faltdach, also im Nu.

california_coast_5959
Mit etwas Übung und Arbeitsteilung hat man diese Situation nach 3 Minuten hergestellt. Und wer sich kurz mitfreuen möchte: Dieses schlichte, aber treffsichere Felgendesign gab es schon beim Einser – Golf GTI!!

Um die Konfiguration des Autos von drive auf eat & sleep umzubauen, sind bei Schönwetter folgende Arbeitsschritte nötig (für 2 Pers.):

  1. Tisch und Stühle aus den Türen bergen und aufstellen.
  2. Rollo ausfahren.
  3. Hochdach entriegeln und aufklappen.
  4. Bettzeug raufwerfen.

Die Dauer der Aktion beträgt gestoppte 5 Minuten, mit Routine weniger.

california_coast_manip10
Finster, kühl, der Regen setzt gleich ein, Böen peitschen unter einem windigen Dirigenten und in der Lautstärke einer missratenen Musikkapelle.****

Bei Schlechtwetter geht es schneller:

  1. Hochdach entriegeln und aufklappen.
  2. Bettzeug raufwerfen.
  3. Tisch aufklappen.

Das geht in zwei Minuten, mit Routine weniger.

Was jetzt nach einem zeitlichen Wettstreit tönt, den Reisende natürlich nicht kennen, möchte nur die Flexibilität eines Fahrzeuges betonen, das kein Wohnmobil ist.


Natürlich kann ein zum Camper umkonfigurierter VW – Bus nicht allen Anforderungen standhalten, die man haben wollen könnte oder so manches Wohnmobil erfüllt. Eine Dusche? Ein WC? Eine Bibliothek? Nein, das geht sich räumlich nicht aus. Dafür ist der California ein situationselastisches Auto, das auch im Alltagsbetrieb den dienstbaren Freund gibt und sich in der Stadt problemlos einparken lässt, während Wohnmobile deshalb entworfen wurden, um nirgendwo einen Parkplatz zu finden, weshalb sie aufgrund der nie enden wollenden Suche danach eine Infrastruktur benötigen, die alles abdecken muss bis hin zur Entsorgung der Stoffwechselprodukte.

california_coast_manip8
Manchmal, bezogen auf die vielen Kilometer, die wir abzuspulen hatten, wurde die Zeit knapp und der letzte Abdruck wurde uns zur Methode. So hier, am Weg von der Fähre zur Strasse, aber man hat ja eine Bergabfahrhilfe: nämlich ein Gefälle.*****

Sehr cool ist das Faltdach und das Bett in der oberen Etage. Denn, je nach Witterung, machst du entweder alles auf und du hörst Deine Umwelt. Du bist nicht abgeschirmt wie in einem Wohnmobil oder einem Hotelzimmer, sondern bist da, mitten drin, das akustische Zentrum. Du hörst das Meer, die Vögel, den Wind, das Gewitter und den Regen, also fühlst du dich ausgesetzt und geborgen zugleich. Oder wenn du mal vor einer Sehenswürdigkeit pennst, also inmitten aufgescheuchter TouristInnen um 6 Uhr morgens, lässt du das Faltdach zu und legst dich unten hin. Schallgedämmte Fenster und Rollos rundum lassen die Empfindung zu, sich wie ein Igel eingerollt zu haben und unverwundbar zu sein.

california_coast_manip5
Wie man vor einem Mausoleum schläft? Ewig!******

Stichwort unverwundbar: Ein paar Dellen hier und ein paar Kratzer dort sind die Insignien von wilden Abenteuern, unsäglichen Umständen und artgerechter Haltung. Die Blessuren auf dem Blech sind stolz getragene Erinnerungen an Ereignisse, die als Verwegenheiten wortreich zu erzählen sind. Unverwundbar ist der VW also nicht, trotzdem wirkt er in der Art der Verarbeitung, der Materialbeschaffenheiten und seiner robusten Technik wegen unverwüstlich, wenngleich meine Liebste meint, dass sich die Unverwüstlichkeit nur anhand der Anwesenheit unserer Kinder herausstellen könne.

california_coast_manip12
Dass der ParkPilot© überall hin-, aber nicht nach unten schauen kann, wurde beim Einparken auf dem Baikalsee vom Allrad gerade noch kompensiert. Seither überlasse ich das meiner Frau….*******

Vor 67 Jahren schon hatte VW mit dem ersten Samba gezeigt, welche Variabilität dem Bus-Konzept innelag: Transporter, Kastenwagen, Kombi, Kleinbus, Pritschenwagen und eben Camper. Letzterer kostete 1955 umgerechnet ungefähr 21.000 €, ein top – restaurierter Samba kann heute Preise von über 100.000 € erreichen. Dagegen erscheint unser California Coast mit seiner reichhaltigen Ausstattung um 67.000 € nachgerade als Schnäppchen und würde man von der Mietwohnung in den California übersiedeln, so wäre er nach fünf Jahren abbezahlt.

In dieser Zeit war die Mietwohnung durchgehend zuhause, der California aber war unterwegs gewesen. Sein Zuhause ist die Welt.

Dass dem so ist, stellte eine deutsche Dame im Jahre 1956 unter Beweis. Milli Bau reiste mit einem zum Camper umgebauten VW T1 auf verästelten Wegen bis nach Indien. Und das allein!

Fotos: © unbekannt

PS.:

california_coast_6126.jpg
Von den 642.292 MitarbeiterInnen bei VW war ja nur eine Handvoll für den Dieselskandal verantwortlich – der Rest war beleidigt. Die Grafikabteilung arbeitet das Thema humorvoll mit subtiler Ironie und kleinen Rauchwölkchen auf!!

 

 

Text / Fotos & Manips © Peter Philipp 2018

 

 

* Backgroundphoto © stockf8.deviantart.com

** Backgroundphoto © lavander-thistle.deviantart.com

*** Backgroundphoto © aphoticbeauty.deviantart.com

**** Backgroundphoto © venomxbaby.deviantart.com

***** Backgroundphoto © thisisstock.deviantart.com

****** Backgroundphoto © theladyamalthea.deviantart.com

******* Backgroundphoto © 8moments.deviantart.com/Simon Matzinger

! Thank You !