„Das Leben schmeckt nach Glück wie die Erdbeere nach Erdbeere“. (Émile-Auguste Chartier/Alain).


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Der Golf ist ein polarisierender Wagen. Für den einen Teil der Urherde der Menschheit ist er, seit die Landmassen mit Abermillionen von Golfs geflutet wurden und werden, der Inbegriff einer Massenware, die jedweden Individualismus durch diese automobile Uniformierung zunichte mache. Für den anderen Teil und vor allem für die wahren Golf – Liebhaber ist genau dies das stärkste Argument für den Golf als das ideale Objekt, das man individualisieren- und sich so von der Masse abheben konnte. Stefans Geschichte erzählt, wie verdammt daneben das mitunter gehen kann und wie man aus einem völlig daneben individualisierten Auto ein Meisterwerk macht.


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Golf, Ines, Stefan…eine glückliche Dreiecksbeziehung.

Stefan Berger war nämlich viele Monate lang auf der Suche nach einem Golf GTi. Schon am Beginn seines Scans im Netz war ihm ein gewisses Exemplar aufgefallen, weil es seine Anforderungen zumindest aus technischer Sicht erfüllte: Baujahr ´83, 1,8-Liter-Motor, Facelift, Rabbit, GTi, kein Rost. Aber: Der Wagen war komplett verbastelt. Schürzchen hier, Spoilerchen da und auf der Motorhaube war eine in spätpubertierender Hormonlage tief empfundene Lufthutze reingeschraubt worden. Die Farbe Rotviolett war sehr wahrscheinlich auch mit ein Grund, warum dieser GTi nach einem Jahr noch immer inseriert war.


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Das VW-Logo wollte Stefan in Schwarz. Die Marke wäre eh klar.

Also wollte es Stefan Berger wissen und besuchte den Wolfsburger Rabbit GTi im kärtnerischen Wolfsberg. Autos zu beurteilen und zu bewerten zählt zu Stefans Kernkompetenzen, denn das ist Teil seines Jobs bei der VOWA. Er sah sich den Wagen sehr genau an, attestierte ihm eine tadellose Basis und erwarb ihn.

Bald danach erfolgte die Überstellung nach Tirol und in die Hallen der VOWA. Als erstes wurde dem Golf alles vom Leibe gerissen, was ihn proletoid entstellt hatte. Danach ging es um Substantielles.

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Drei Wochen lang wurde allein an der Karrosserie gearbeitet. Stefans Kollegen in der VOWA unterstützten ihn dabei kameradschaftlich jeden einzelnen Tag bis um zehn Uhr abends. Die Karrosserie wurde sandgestrahlt, ausgebessert, bekam einige Bleche neu eingeschweisst und der Originallack wurde besorgt: Marsrot!

Um einem Ausbleichen der Farbe vorzubeugen, befinden sich unter dem Klarlack gleich zwei Schichten des Rotes. Dies zeitigt einen durchaus interessanten Nebeneffekt, denn je nach Lichteinfall und Intensität ändert sich das Rot vom Sonoren ins Kreischende, also vom Dunkelroten ins Hellorange; und genauso verhält es sich in den Farbnuancen einer Erdbeere, die vergleichbaren Lichtverhältnissen ausgesetzt wird.

 

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In der Kulturgeschichte war die Erdbeere ein Symbol der Lust, der Sinnlichkeit, welche aber mehr der Schönheit der Venus zugeordnet war als dem kriegerischen Mars.

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Das Interieur kam ebenfalls einer Herausforderung gleich. Stefan hatte sich die originalen Sitzbezüge eingebildet und so lange danach gesucht, bis er in Deutschland bei einer alten Weberei fündig wurde, welche schon die Sitze für Karmann konfektioniert hatte.

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Und das originale Radio wollte Stefan auch zurückhaben. Die Suche danach dauerte wiederum ein Jahr, aber jetzt ist es drin!

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Auch die Technik wollte nicht unangetastet bleiben, denn Stefan macht keine halben Sachen. Er zerlegte also den Motor und befand manche Teile für gut: Motorblock, Zylinderkopf, die Pleuel und die Kurbelwelle. Die Ventile dagegen, die Kolbenringe, diverse Lagerschalen, Dichtungen und die Ölpumpe erfuhren eine Überholung oder wurden ausgetauscht. Am Ende wurde auch der Motor einer Neulackierung unterzogen, die ewig halten sollte.

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Grünglasscheiben hatte Stefan außerdem noch angedacht und eingebaut, weil sie einfach besser aussähen. Das alles hat Stefan in nur einem halben Jahr geschafft und wir können ahnen, dass die erste Ausfahrt zum GTi – Treffen am Wörthersee nicht nur für den Golf bewegend war…..

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Natürlich stellt sich die Frage nach dem korrektem Zustand in bezug auf die Anerkennung als originaler Oldtimer.  Stefan hat den Wagen um gleich 10 Zentimeter tiefergelegt (die Straßenlage!), ihm eine grössere Edelstahl – Auspuffröhre reingehängt (der Klang!), dreiteilige BBS-Felgen draufgeschraubt (die Optik!) und auf ein Gewindefahrwerk umgestellt.


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Stefan sieht das jedoch mit der Gelassenheit eines unmilitanten Puristen. Sein Golf sollte so werden wie das Original, nur besser. Und wer könnte das besser beurteilen als er selbst?

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Tatsächlich ist dieser GTi kein Versuch, das Original zu vermitteln, sondern er ist das Original, nur besser. Die Anmutung ist jene eines Neuwagens und zwischen Modifikation und Optimierung herrscht ein klarer Unterschied. Stefan hat sich den Golf so gemacht, wie er ihn von VW gern gehabt hätte und zeigt so auf subtile Weise, wie er hätte sein können, aber zum Glück nicht war. Denn sonst wäre die Freiheit, den Golf so zu individualisieren, wie man wollte, in der Perfektion vorverstorben.

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In Schönheit gestorben ist auch tot, aber Stefans Erdbeere lebt und wird wahrscheinlich noch viele nach ihm gebauten Golfs überleben.

Denn sein Leben schmeckt nach Glück wie die Erdbeere nach Erdbeere!

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PS.: 112!


 

 

Fotos & Text © Peter Philipp 2018