In der Logik der Analogie lässt sich die philosophische Betrachtung, der Sinn des Lebens läge im Sein, leicht auf das Automobil transponieren: Der Sinn des Automobiles liegt in dessen Bewegung. Störend dabei ist einzig nur, dass sich das Auto zumeist sinnenthoben einem Zweck unterzuordnen hat, der darin liegt, das Medium einer Wegstrecke von A nach B zu bedeuten.

Sinnenthoben? Während das Auto, das Motorrad oder das erste Moped speziell ein grösseres Freiheitsgefühl zu vermitteln vermag als die einstige Marlboro-Werbung, steht man in der Realität schon sehr bald vor der Freiheit Endlichkeit: Wir sind hier in Tirol! Hohe Verkehrsdichte, unglaublich viele Ampeln mit roten Wellen im Städtischen, eine steigende Zahl an Radarfallen oder Kontrollen überall und selbst die Luft darf sich nicht mit mehr als 100 km/h auf der Autobahn bewegen (IG-Lufthunderter).

Die Konsequenz: Man schätzt ein paar Kilometer, öfter aber nur ein paar hundert Meter kurvenreichen Fahrspaßes und findet sich hinter einem aus Sicherheitsgründen unüberholbaren Verkehrsteilnehmer wieder, in ausweglose Agonie verfallend.


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Daraus leitet sich die Frage ab, wo man das Fahren an sich überhaupt noch genießen kann und dieses Thema wurde zum Inhalt eines Gespräches mit meinem Urfreund Martin. Denn auch er leidet aktiv unter den Restriktionen, die er als Autofahrer, aber mehr noch als leidenschaftlicher, geübter Biker zu verkraften hat. Und weil er schon länger über dieses Thema nachgedacht hatte, war er einer Idee verfallen. Nämlich jener, unter größtmöglicher Vermeidung von Autobahnen oder großen Straßen, also vorwiegend auf Landstraßen oder kleiner Nebenfahrbahnen und unter großräumiger Mißachtung etwaiger Sehenswürdigkeiten nach Durrës, Albanien, und retour zu fahren. Zeitfenster: 8 Tage. Kilometer: ca. 3000.

Da bin ich natürlich dabei, denn der Lustgewinn erscheint mir durch den latenten Triebaufschub zum besten Zeitpunkt zu kommen. Also beginnen wir mit den knappen Vorbereitungen: Martin bringt seine noch unter Kaiser Ōtomo gefertigte Kawasaki KLE auf Vordermann und ich verfüge mich in deutsche Wertarbeit für die Reise als Begleitfahrzeugfahrer: Martins VW T5 Multivan, in dem wir auch pennen werden. Die Planung der Fahrt umfasst den ersten Tag, danach werden wir nach Landkarte und Zufall fahren.

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Weil nun der Verdacht aufkeimen könnte, dass Martin mit seiner Ikone des Altertums zwei Tage in Durrës auf mich warten müsse, sei vorweg klargestellt, dass der VW über den famosen 5-Zylinder-TDi verfügt, der alles andere als fad ist. Er spielt sein Drehmoment über die 6-Gang-Automatik souverän aus und geriert sich zumindest subjektiv als Rakete und kalte, wahre Zahlen interessieren eh nur graue Buchhalter.


Vorweg erwähnt: Es wurde eine Tour, wie sie hätte schöner und abenteuerlicher nicht sein können. Es war pures Fahren und zwar nicht im Sinne von möglichst schnell, sondern zügig in sportiven Kurvenradien unterwegs zu sein, dem Höchstgenuß verpflichtet. Und weil wir immer wieder von Streckenabschnitten überrascht, eingenommen und hingerissen wurden, sei diese Tour auch in segmentierter Form eine Empfehlung an alle, die gerne Fahren um des Fahrens Willen. Jede der Etappen hat etwas für sich in der landschaftlichen Besonderheit und der Streckenführungen. Es sind Pässe zu überwinden, einspurige, engkurvige Straßen zu meistern, Berge auf Schotterpisten zu erklimmen, Landstraßen durch Wiesen und Wälder zu folgen und breitspurige Küstenstraßen im flow zu nehmen……und Albanien halt. Dazu später mehr.


Erste Etappe | Hall i.T. – Bruneck – Kreuzbergpass – Tolmezzo – Udine – Triest

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355 Kilometer, 1000 Kurven, 0 Autobahn.
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18. Mai, 7 Uhr 02 – es geht los.

Wir nehmen die Römerstraße, pfeifen über den Brenner und halten Richtung Bruneck. Bis dorthin herrscht Berufsverkehr, ab dort auch wieder. Ab dem keltischen Innichen, wo der Kreuzbergpass seinen Anfang nimmt, allerdings nicht mehr. Wir wedeln behände rauf und wieder runter, geraten danach in abenteuerlich kurviges Geläuf.

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Oben auf dem Kreuzbergpass (oder Via Claudia Augusta Altinate), 1636 m.

Der Appetit auf Kurven ist angeregt und wir rauschen nach Tolmezzo. Ab hier wird die Route erwartungsgemäß ein bisschen unsexy, aber da muss man durch. Kommt ja noch. Im Radio läuft bereits Italopop und der Espresso dient als Additiv für den fahrfreudigen Geist. Udine, von wo aus ein kurzer Rhythmus aus Geraden und Kreisverkehren einen Espresso nahelegt, liegt hinter uns und nach Sagrado gewinnt die Strecke wieder an Phantasie. Schon bald sehen wir das Meer zum ersten Mal.

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Links Schiff, rechts Landzunge mit Isonzo-Mündung.

Das Ziel unsererer ersten Etappe ist Triest und wir cruisen entspannt über die Küstenstraße, die Strada Costiera. Mit geöffneten Fenstern, italienischer Musik, adriatischen Temperaturen und duftenden Blüten vernehme ich das Knattern Martins prähistorischer Kawa vor mir aus größerer Distanz, die ich halte, um nicht auch noch deren Gestank im Cockpit zu haben.

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Ein Blick nach Triest.

In Triest angekommen breiten wir die Straßenkarte aus, soweit es die Weingläser zulassen. Google Maps ist dabei behilflich, Straßen von kleiner Rangordnung zur Erfindung der Route des nächsten Tages beizusteuern. Wir wollen an jedem Tag so um die 370 km schaffen, was auf hauptsächlich Landstraßen eine Fahrtzeit von 5 – 7 Stunden bedeuten wird. Für mich im VW kein Problem, denn mein Sessel ist fein gepolstert und hat Armlehnen. Martin allerdings beginnt schon heute nach 3 Stunden auf seinem Sattel rumzuturnen, was zu vielen kleinen Päuschen führt, damit sich der Sattel von Martin erholen kann.

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Triest, bis 1918 österreichisch.

Triest ist schon lang aus dem Winterschlaf erwacht, an den Promenaden hängen Jugendliche ab und schicken sich gegenseitig whatsapp-Nachrichten. Die älteren Semester reden miteinander und es riecht nach Gras. Drin in der Stadt gibt es Live-Gigs von besseren und grottenüblen Bands – unterhalten fühlt man sich in jedem Falle.


Etappe 2 | Triest – Brest – Rijeka – Senj – Starigrad

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Aus Triest ist man flott wieder draussen, wenn man früh genug aufsteht. Keine halbe Stunde nach dem Frühstück passieren wir in Crociata die Grenze nach Slowenien, von wo eine zauberhafte Straße durch kleine, enge Dörfchen, in erster Linie aber durch Wiesen und Wälder führt. Es herrscht eine Verkehrdichte von +/- 0, niemand ist vor uns, nicht mal irgendein Gegenverkehr zwingt uns dazu, außerplanmäßig die Tempi vermindern zu sollen. Wir bemerken, dass wir in vollkommener Konzentration in eine Art Trance verfallen: Anbremsen, einlenken, Gas geben. Ich lasse mich ein wenig zurückfallen, sodass Martin glaubt, er sei schneller und hole aus den abgefahrenen Winterreifen das letzte Quäntchen an Haftung, die sie zu übernehmen bereit sind.

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Kurvenräubern in slovenischen Hainen.

Erstaunlich, wie zügig sich der Multivan (ein Nutzfahrzeug von hohem Gewicht und mit hohem Schwerpunkt) bewegen lässt. Obwohl der Wagen mit bloß mir, dem Bett und etwas Gepäck quasi leer ist, federt er komfortabel und liegt gut. Mit sieben Passagieren an Bord wäre er noch gelassener, nicht jedoch die Passagiere, welche bei meiner sittlosen Fahrweise die Gesichtsfarben ändern würden wie Chamaeleonidae.


Mitten im Nirgendwo, auf der Kuppe eines sanften, von Gräsern und Blumen bewachsenen Hügels, umgeben von weidenden Kühen und Schafen und außer Acht gelassen von zwei nach Beute schielend kreisenden Bussarden, steht das Grenzhäuschen mit einem alten Land-Rover davor. Im raumflutenden Vogelgezwitscher wirft ein müder kroatischer Beamte seinen flüchtigen Blick auf unsere Pässe und sich daraufhin in sein Häuschen zurück in sein Sesselchen, um sein Schläfchen fortzusetzen.

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Martins Nummerntafel ist noch in Slowenien, der Tacho schon im Nachbarland.

Slowenien ist aus, die Straße aber noch lange nicht. Im Gegenteil, es geht in diesem Stil noch lang so weiter. Wir fegen schwindelfrei durchs Unterholz, bis wir Brest erreichen, von wo ein wiederum appetitlicher Weg nach dem Rijeka vorgelagerten Matulji geht. Hier ist kurz Schluß mit lustig, die Umwelt ändert ihr Antlitz von grün auf betonesk und es herrscht scharfer Berufsverkehr. Wie reagieren wir? Kaffee!

Wir werden uns kurz auf die Stadtautobahn verfrachten und Rijeka umfahren. Die Küstenstraße ist in Reichweite und auf diese wollen wir so schnell als möglich.

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Das erste und einzige Mal auf der Autobahn.

In Bakar verlassen wir die doppelspurige Tristesse und haben bis zum Zielort 166 km Kurven im Sinne von 2 gemütlichen, vielleicht auch sportlichen Stunden vor uns. Wir suchen uns einen kleinen Strand, um Martins thermische Probleme seiner Goretex-Sauna in liquidem Erfrieren einem Nullzustand zuzuführen.

car_ving_tour18_1_8315Ja, das Wasser ist noch recht frisch im Mai, aber noch erfrischender kann ein Renault-Fahrer sein, der mir die bei Tempo 15 die Kurve abschneidet, aufdass eine Mauer mit der Karosse des Multivan holpriges Kroatisch spricht. Das Kreischen des Blechs dauert eine gefühlte Ewigkeit. Mir fällt Alice im Wunderland ein. Alice: „Wie lange ist für immer?“ Weißer Hase: „Manchmal nur für eine Sekunde“.

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Als ich Martin seinen VW zeige, ist er dermaßen angetan von meiner Kunst der Kaltverformung, dass er vorschlägt, die Hälfte der Reparaturkosten zu übernehmen. Er ist mein Freund. Als ich später und daheim von der Spenglerei darüber informiert werde, dass die Wiedergutmachung der Misere einen hohen sechsstelligen Betrag ausmachen wird, willige ich ein.


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Die E65, ein Kurven-Reich.

Es ist Mai, die großen Touristenströme stecken noch ungebündelt in vorwiegend deutschen Büros fest und den Kroaten scheint an diesem Samstag Nachmittag der Sprit zu teuer zu sein: Kein Mensch ist unterwegs. Der nächste flow ist da!

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Im Vorbeifahren erwischt: Maikäferidyll.

Wir überholen auf der gesamten Strecke genau 2 Autos, ich hingegen werde manchmal von Motorrädern geputzt, welche die Straße zur Rennstrecke umwidmen, wovon auch die alle paar Kilometer an den Leitplanken befestigten Blumenkränze Zeugnis geben. Mein Kollege ist zum Glück ein bombensicherer Fahrer, was nicht von Ungefähr kommt.

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Martin war 16, als er mit dem Motorradfahren begann. Da besaß er eine flotte Zündapp (für die Jüngeren: nein, das ist keine Smartphone-App), mit 18 kam er schon um 130 km/h schneller daher und seither hat er durchgehend Fahrpraxis. Er kann es also.

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Links Lieblingsstrasse, rechts Wasser mit Pag.

Unsere 2. Etappe endet kurz vor Sonnenuntergang in Starigrad, etwas oberhalb von Zagreb. Von den Eindrücken (nicht jenen im VW-Blech) und der Freude am Fahren immer noch leicht entrückt, lassen wir uns von kühlem Bier wieder in Form bringen. Aber nicht lange: Weil Martin heute zu lang im Wasser war, um seinen Problemzonen Erholung angedeihen zu lassen, müssen wir in der 3. Etappe ein paar Kilometer gutmachen. Wie traurig!

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Nicht von Hässlichkeit entstellt: Schlafplatz in Starigrad.

Die Route für den nächsten Tag ist klar, die Bäuche sind gefüllt, die Zähne sind poliert. Was wird das Morgen daherbringen? Keine Ahnung, indes wünschen wir einander eine gute Nacht, während sanfte Wellen an der Küste leisen Kiesel rascheln lassen.


 

Text & Fotos © Peter Philipp 2018