Um unser Etappenziel zu erreichen, Mlini, 10 Minuten hinter Dubrovnik nämlich, stehen wir zeitig auf und fahren los, ohne gefrühstückt zu haben. Die am Vorabend geplante erste Destination der Route wird zuvor noch ins Navi eingegeben: Knin. Das ist eine Kleinstadt im Hinterland Nord-Dalmatiens und wir fahren trotzdem in diese Gegend und nicht weiter auf der attraktiven Küstenstraße, obwohl wir da schneller wären. Denn es gibt ja einen Rückstand aufzuholen…..

Aber wir legen Wert darauf, dass unsere Wegstrecken stets von unterschiedlichen Bildrahmen geziert werden und weiters: Wir waren da noch nie.


Etappe 3 | Starigrad – Knin – Sinj – Trilij – Cista Provo – Makarska – Dubrovnik – Mlini

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Die Navis weisen uns also den Weg nach Knin und da sie markenident sind, wird nach einiger Zeit auffällig, dass Martin, dem ich ja stets den Vortritt lasse, auch wenn seine KLE beim Beschleunigen qualmt wie ein Wohnungsbrand, bei jeder Kreuzung in die falsche Richtung blinkt. Einigkeit herrscht bei den TomToms nur in der Destination vor, nicht aber über den Weg dorthin. Die Anschauungen darüber stehen einander sogar diametral gegenüber. Da Martin sich aber, im Gegensatz zu mir, additiv auf eine analoge Straßenkarte stützen kann, die er unter der Klarsichthülle seines Tankrucksackes vor Augen hat, folge ich ihm artig.

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Die oppulente Landstraße beginnt sich irgendwann relativ abrupt zu verjüngen und plötzlich getraut sich nicht mal mehr der Asphalt, weiter in die Landschaft vorzudringen.

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Wer von uns hat das bessere Navi?

Für viele Kilometer rasseln wir durchs outback, bis wir irgendwann irgendwo wieder auf befestigtes Terrain gelangen. Nicht, dass man auf Schotter bummeln muss, doch etwas mehr Grip ließe die Zielsetzung Dubrovnik wieder realistischer erscheinen.

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So pflügen wir vergnügt durch die kroatische Botanik bis zu einer Einmündung, bei welcher ich die andere Richtung hätte nehmen sollen, aber bitte. So gelangen wir auf eine dieser unglaublich langen Geraden, die man aus Mathe noch kennt, aber höchstens in den USA mal gefahren war, wenn man, so wie ich, in den USA mal Geraden gefahren war.

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Für den Martin ist das nicht sonderlich spannend, ich aber spiele Luftgitarre zu Porcupine Tree und lenke mit den Füßen. Bald, nach ein paar dieser Geraden, bremst Martin runter in der Schärfe von Trinidad Moruga Scorpion, denn plötzlich ist da ein rechtwinkliger Abzweiger nach Obrovac. Machen wir, queren unten den Fluß Zrmanja und schlängeln uns auf gegenüberliegender Seite wieder rauf, wie es sein Navi sagt.

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Obrovac mit Fussballplatz.

Während mir Martin auf den Kehren hinter Obrovac davonzieht, folge ich ihm, indem ich mich an den verbleichenden Rauchwölkchen orientiere; mein Navi sucht derweil immer noch Europa.

Die Straßen bleiben äusserst reizvoll und wir damit beschäftigt, sie ihrem Zweck gemäß dem Fahrspaß zuzuführen, die Lenker in festen Händen. Es ist ein wonnevolles Dahinschnüren auf einem zeitlosen Kontinuum mit Mittelstreifen.

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Magische Gegend: Die Krka hat sich eingegraben.

Im Galopp nehmen wir die Strecke nach Knin, um endlich ein kleines Frühstück abzustauben. Die Kroaten sind ja ein sehr gastfreundliches Volk, nein, sie waren das auch immer schon, so wie wir alle eigentlich: freundlich, weltoffen und aufgeschlossen. Wir ÖsterreicherInnen waren von den Problemen ja auch nicht wirklich betroffen, welche in den nahen Erinnerungen der Menschen dort existent sind.

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Die Kroaten hatten ja vor relativ kurzer Zeit echte Kriege zu ertragen, Angriffskriege, die ohne UNO-Mandat daherkamen. Wir wissen es, sehen es überall, vor allem in den Neubauten und an den Altlasten und sind erleichtert darüber, nicht der Nato anzugehören und deshalb als Österreicher herzlich willkommen geheißen zu werden (die Deutschen mag man auch noch, weil sie nicht mitgemacht hatten….).

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Knin, der Blick vom Frühstück aus. „Malen und Kleben“ Okovi.

Da unsere Destination noch weit weg ist, tummeln wir uns. Martin zweigt gleich mal falsch ab und ich folge in blindem Gehorsam Richtung Sinj. Der Weg dorthin ist von einmaliger Schönheit und wiederum ohne nennenswerte Kollegen im Straßenerkehr. Niemand und nichts kommt uns dazwischen. Wir können einfach nur fahren. Wäre da nicht der bereits mit Gewebeband restaurierte Hocker der KLE, der Martin in jedes Wasser zwingt, das auf dem Weg liegt.

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Peručko jezero.

Der Peručko – Stausee empfängt Martin in freundlicher Kühle, während ich mir bewusst mache, dass wir uns schon inmitten jenen Gebietes befinden, in dem die Karl-May-Filme zwischen 1962 und 1968 gedreht worden waren. Wir werden im Laufe unserer Reise aber noch öfters über Karl May stolpern und uns dabei nicht wundern, warum diese Landschaften als Kulissen erwählt wurden.

Martin ist wieder beledert, es geht weiter Richtung Sinj und Trilj, welche wir emotionslos durchqueren, obwohl sie so reich an erwähnenswerter Geschichte sind.

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In sanften, weit geschwungenen Kurven, endlosen Geraden und kroatischer Schlagermusik mit Ukulele, Mandoline und pathetischen Sängern gelangen wir nach Cista Provo. Martins Navi möchte abbiegen, meines nicht. Kurze Lagebesprechung.

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Es geht nach rechts, sagt die Straßenkarte zum Navi.

Wir entscheiden uns für den 90º -Abzweig und werden es nicht bereuen. Denn schon ein paar Kilomenter später werden wir mit einem OHA-Erlebnis dafür belohnt worden sein. Die 39er zieht einen langen Strich, winkelt dann ab und verfügt sich in wenige Kehren, beruhigt sich nochmal kurz und steigt danach an, den Berg hinauf bis zu einem unerwarteten Scheitelpunkt in einer unscheinbaren Linkskurve und: OHA!

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Die Insel Brač, das Meer und die 8er – Küstenstraße.

Martin und ich parken uns ein, steigen ab bzw. aus und stehen Seite an Seite und wortlos vor dem Anblick, der an Majestät der Schöpfung und der Lust, die Straßen gleich fahren zu dürfen, eine Vollkommenheit im hedonistischen Sinn unserer Reise verwirklicht. Wir sind vereint im Genuss dessen, was wir sehen und tief verbunden durch einen identen, glückseligen, debilen Grinser.

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So fahren wir die letzte Kehre im Tempo einer Fronleichnamsprozession und in derer Gemessenheit andächtig den felsigen Hang hinab, um uns für den restlichen Tag der 8er zu überlassen: 180 km Küstenstraße liegen vor uns, die Sonne freut sich schon auf den Feierabend, ein paar Autos sind unterwegs und wir nehmen Fahrt auf.

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Die antike KLE mit Martin zischt ab und hinterlässt eine Feinstaubzone, ich selbst habe einige Autos vor mir und verfahre wie gewohnt: Rechts ran, warten und zwar so lange, als möglich, um Abstand zu gewinnen. So lässig der VW-Bus zu fahren ist, aber das Überholen bei höheren Geschwindigkeiten ist nur etwas für gute Nerven, denn die Geraden sind eher kurz und der Gegenverkehr im Fall ziemlich schnell unterwegs und 131 PS und 2 Tonnen und so……

Es sind sieben Minuten vergangen und erst jetzt taucht ein Auto im Rückspiegel auf. Ein schneller Start scheitert ja nicht mehr am Vorglühen, also bin ich sofort wieder auf der Bahn und weiß: Vor mir ist niemand!

Martin wartet an der bosnischen Grenze auf mich. Seinem Gesichtsausdruck nach hatte auch er die Straße genossen (grinst debil). Ganze 10 km ist die Straße durch Bosna i Hercegovina lang, bevor wir die nächste Grenze passieren und wieder in Kroatien sind.

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Kurz in Bosnien-Herzegowina, Sonne hat auch kurz time-out.

Wir fahren, getränkt von einer dionysischen Kurvendichte ohne Teilhaber, in persönlichen Rhythmen Richtung Dubrovnik. Dort treffe ich zufällig Martin wieder. Er hatte thermische Probleme mit seiner Rückseite bekommen, denn der letzte Schwumm war Stunden her. Ich beruhige ihn mit der Aussicht auf den bevorstehenden Regen, der für Abkühlung sorgen würde. Er reagiert in einer Spielart von Empathie, die mein Zynismus gar nicht verdient: Martin steigt auf und fährt geradeaus in den Regen. Dieser ist aber zum Glück von seichter Art. Dubrovnik wird hinterrücks umfahren, denn wir sind keine Touristen im herkömmlichen Sinne, sondern Fremdenverkehr.

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Kitsch als integraler Bestandteil der Fotografie. Hier mein Beitrag!

In Mlini legt sich Martin trocken und ich mich im Bus hin. Der Schlaf könnte mich sofort ereilen und Martin heute auch. Nur der Hunger und die zu besprechende Routenplanung lassen uns eine Zeit lang verweilen im Restaurant ums Eck. Noch sprechen wir darüber, wie umwerfend die heutige Route gewesen war, morgen indes ist Halbzeit und wir wollen unser Ziel erreichen: durch Montenegro nach Durrës, Albanien. Nur ca. 300 km, aber was wird uns in Albanien erwarten? Wir lassen uns überraschen…….

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Markenkollege, von zögerlicher Gläubigkeit. Besser jedoch, als in die Kirche zu fahren.

 

 

Fotos & Text © Peter Philipp 2018

thanx 2 the ghost-editor!