Wir schreiben den 4. Reisetag, der die Halbzeit markiert und zugleich das Erreichen von Durrës als Ziel in sich trägt. Wo sind wir gerade? Richtig, Mlini, Kroatien.


4. Etappe | Mlini – Herceg Novi – Kotor – Kreis Lezha – Durrës

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„Wir sind dem Aufwachen nah, wenn wir träumen, dass wir träumen.“ (Novalis). Früher als alle anderen sind wir wach auf dem Stellplatz. Manche Vögel zwitschern bereits in aufdringlichem Minnesang und irgendwo glaubt ein Hahn, die Sonne würde wegen ihm aufgehen. Martin wirft sich in seine Rüstung und seine Kawa an, ich dagegen lege Bachs Brandenburgische Konzerte ein. Straße: Fahren.

Ein von montenegrinischem Morgentau beschlagener Grenzbeamter untersucht den VW-Bus auf Irgendetwas hin. Die grüne Karte wird immer verlangt, aber im Bus findet sich nichts außer eine Packung Goldbärli von Haribo, die ich ihn herzlich einlade, zu beschlagnahmen.

Wir dümpeln auf der E65 durch Montenegro, das bei uns früher Schwarzenberg hieß, weil es manchmal auch österreichisch war. Die E65 verläuft in Küstennähe und ist vom Berufsverkehr ausgelastet. Diese Route zu nehmen ist uns quasi aufgezwungen in Ermangelung an Alternativen. Wir haben also Zeit zum Schauen und stellen fest, dass die Küstenregion eine einzige große Neu-Baustelle ist.

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Martin beneidet den Dampfer wegen dessen Feinstaubwerte.

Nach einem schnellen Frühstück gleiten wir untertourig in das touristische Kotor, um uns bei einem Espresso zwischen der Stadtmauer des fast 2000 Jahre alten Ascrivium und dem Sunset-Boulevard inkl. Kreuzfahrtschiff am südländischen Flair zu laben. Hier ist aber die Hölle los – nichts wie weg.

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Wir folgen der P22 mit der Geduld einer Klosterschwester beim Rosenkranzbeten. Ein Tunnel, der das Vorhaben des Berges untergräbt, uns in endlose Serpentinen zu verstricken, führt uns auf die E80 Richtung Bar (Бар).

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Die Serpentinen hätten uns angelacht. Was wir jetzt nicht wissen: Wir werden sie noch fahren….

Nach dem großen Beben von 1979 wurde die Hafenstadt Bar praktisch neu aufgebaut und so sieht sie auch aus. Eine auf Stahlbeton basierende Tragik. Breite Verkehrswege mit vorsorglich eingeplanten Kreisverkehren in der Leere. Die architektonische Verwüstung des Umfeldes kommt also noch, die Infrastrukturen wie Tankstellen oder Shoppingcenter stehen schon an diesen Straßen, als hätte man die Bauplätze im Gasthof ausgewürfelt.

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Die orthodoxe Kirche von Bar als Ausnahme des vorherrschenden Baustiles: Quader.

Von hier ist es nur mehr eine Stunde bis zur albanischen Grenze. Die Fahrt verläuft routiniert und unspannend. Die Grenze selbst stellt sich dar wie eine Erinnerung an die Zeiten vor dem Schengener Abkommen, nämlich als stabil stehende Warteschlange. Das letzte Mal, an das wir uns erinnern können, so lang über eine Grenze gebraucht zu haben, war im Februar am deutschen Eck…….

Insofern kommen wir mit einer halben Stunde gut weg. Martin mit seiner Kawa haben die albanischen Grenzer am Fußgängerstreifen schnell durchgewunken, wahrscheinlich der Luftqualität wegen, aber ich hänge mit dem VW-Bus unter lauter Verdächtigen fest, die im unterstellten Sinne haben, ihr Auto in Albanien verscherbeln zu wollen.

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Schwarzer Berg sagt Adieu.

Man lässt mich überraschend rasch passieren. Und nun, in Albanien, ändern sich die Gegebenheiten. Ich behaupte ja stets und gern, dass sich das Vermögen einer Volkswirtschaft vom Straßenzustand her bemessen lässt. Tatsächlich und nach wie vor ist Albanien das ärmste europäische Land.

Die erste Hauptstraße Albaniens gibt mir aber Unrecht, denn sie ist asphaltiert. Der Weg dorthin allerdings nur ungefähr. Die komfortable Ruhelage des gelassenen VW-Fahrwerkes weicht einem ungelenken und wenig elegantem Dahinstolpern von einem Schlagloch zum Nächsten. Martin umfährt die Blessuren in Schlangenlinie, bei mir hüpft die CD.

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Dem Namen der Tankstelle nach gibt´s hier keine Zapfhähne.

Nach dem nachgerade mondänen Küstenstreifen Montenegros kommt der Tapetenwechsel abrupt: Verlassene Häuser, vergessene Rohbauten, Menschen, die einsam neben der Straße auf Irgendetwas zu warten scheinen und Fahrzeuge, deren Baujahre in die Zeit der Illyrer zurückreichen.


Es wird langsam Abend, wir schnüren auf der E762 Richtung Süden in schütterem Verkehrsaufkommen und freuen uns über das Wiedersehen mit Autos unserer Kindheit, die bei uns schon lang aus dem Verkehr gezogen sind.

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Der Uhrzeit angemessen erhebt sich die Frage nach dem Schlafplatz. Wir googeln ein kleines Resort am Meer, justieren die Navis und biegen korrekt navigiert rechts ab. Eine einandhalbspurige Straße führt uns durch Äcker und Felder, alte Männer und Frauen marschieren endlose Wege zwischen spärlich auftauchenden, armseligen Häuschen, von wo aus uns Kinder zuwinken.

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Man sieht dem Bild die Dramatik des Straßenzustandes nicht wirklich an….

Bei der Straße handelt es sich um eine zufällige Anordnung von Schlaglöchern mit etwas Asphalt rundum. In höherer Schrittgeschwindigkeit und nach 20 Minuten gelangen wir zu einer T-Kreuzung. Links geht ein Feldweg weiter, rechts auch, inmitten der Fahrspuren gedeiht halbmeterhohes Grün. Kehrtwendung.

Martin raucht mit seiner Enduro den Slalom retour an, ich dagegen leide mit den Stoßdämpfern lange 20 Minuten bis zu dem Punkt, an dem ich feststelle, dass ich falsch bin. Abzweiger verpennt oder durch das Gewackel übersehen. Und Martin ist weg. Handy? Kein Netz. Super. Beschließe, einfach mal zu warten.

Siehe da, ein kleines Licht inmitten einer schwarzen Wolke erscheint am Horizont. Die Kinder haben Martin die Richtung gedeutet, wohin sie mich fahren gesehen hatten. Tatsächlich ist der VW- Bus in Form des T5 in Albanien eine höchst seltene Erscheinung. Wir haben in den zwei Tagen keinen einzigen Zweiten gesehen.

Glücklich wiedervereint entschließen wir uns müde und hungrig, einfach nach Durrës reinzufahren. Also ab auf die Piste, Kilometer fressen.

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Diese Brücke wurde wahrscheinlich von den dorischen Kolonisten erbaut.

Es liegt noch ein Stück Autobahn vor uns und genau bzw. spätestens hier endet unsere Routenempfehlung. Für Albanien hätten wir uns schlauer machen müssen, aber das war nicht die Zielsetzung unserer Reise. Diese basierte auf dem Zufall und dem Prinzip der Überraschung, welcher Qualität auch immer.

Die Autobahn ist nur auf der linken Spur seriös befahrbar und es sind absolut übertriebene 90 km/h erlaubt. Auch auf der rechten Spur, die völlig ruiniert ist. Rechts gibt es auch keine Leitplanke, sondern rechtwinklige Zufahrten, von wo alte Mercedes mit 4 km/h einbiegen. Auf dieser Straße lebt man gefährlich, aber die Albaner pfeifen trotzdem mit 120 dahin. Vielleicht überspringt man bei diesem Tempo die Schlaglöcher…

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Der plötzliche Stau jedenfalls ist einem wilden Unfall mit vier Beteiligten geschuldet. Alle Autos Schrott, Männer winken Tschick rauchend den Verkehr durch eine schmale, mit Glasscherben und Plastikteilen übersäte Gasse. Beim Vorbeifahren übertönt eine bewegte Männerdiskussion kurz die ewige Harmonie des Wohltemperierten Klavieres, oder umgekehrt.

Geläutert sind wir nun mit 70 statt mit 90 unterwegs. Durrës ist gleich erreicht. Diese Stadt übrigens ist eine der Ältesten Albaniens und würde eine bewegte Geschichte zu erzählen haben, wenn man sie wissen wollte. Wir Banausen suchen aber nicht die Historie, sondern was zum Essen und Schlafen.

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175 Lek für 1 Liter Diesel sind ca. 1,4 €.

In Durrës verfahren wir uns gleich mal zünftig. Unsere Navis verzweifeln aneinander: Das eine will da hin, das andere nicht. Wo immer wir halten, um uns zu beraten, kommt ein freundlicher Albaner hinzu und versucht, in improvisiertem Deutsch oder Englisch zu helfen. So finden wir bald den kürzesten Weg in die Stadt. Und wie es der Zufall will, erspähen wir dort ein Wohnmobil mit deutschen Taferln und glauben, das sei ein Campingplatz.

Der Deutsche ist lieb und wortreich, jedenfalls hat er nix dagegen, dass wir ihn für eine Nacht einparken, mitten in der Stadt und trotzdem nahe dem Meer. Einen Campingplatz gibt es hier nicht, nebenbei, meint der deutsche Freund, aber eine Unmenge Mosquitos mit unbändigem Durst.

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Es ist, wie es ist. Ein schmales Abendessen geht sich aus und wir wandern danach noch ein paar Schritte der Prachtstraße entlang, um etwas von Durrës gesehen zu haben. Freundliche Menschen, denken wir uns, aber fertige Umgebung. Müll überall. Man kann selbst am Gehsteig in ein metertiefes Loch fallen, wenn man blöd- oder auf sein Handy fixiert ist.

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Den morgigen Tag haben wir uns jedenfalls ausmachen können, die Route steht. Wir durchqueren Tïrana und nehmen eine interessante Straße durch den Dajti Mountain National Park Richtung Mazedonien. Von dort aus geht´s in den Kosovo. Weil ich den Ausgang der Geschichte ja schon kenne, schreibe ich nur: Jessasna.


 

 

Fotos & Text © Peter Philipp 2018