„Es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo man dem Weltgeist näher ist als sonst. Und eine Frage frei hat an das Schicksal.“ (Friedrich Schiller)

Meine Frage an das Schicksal wäre: Wozu Mosquitos? Natürlich, ihr Sinn liegt im Sein, so wie auch bei uns. Sie konnten sich evolutionär entwickeln, weil nicht jede Spezies anatomisch dazu in der Lage war, sie rechtzeitig zu erschlagen.

Nach der nächtlichen Sauforgie jedenfalls und nachdem nun jedes Einzelne der Mädels randvoll mit Blut sein sollte, stehen wir um 6 Uhr morgens vor dem VW-Bus und können unsere Müdigkeit nicht fassen.

Ein betagtes Weibchen, in ein lautes Selbstgespräch verwickelt, kehrt mit einem Reisigbesen Sand von der Straße. In der Hoffnung, dass irgendwo ein Café schon geöffnet hat, satteln wir auf und bewegen uns ins Zentrum von Durrës.


Etappe 5 | Durrës – Tïrana – Shkodär – Danilovgrad – Resna – Kotor – Bijela

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Kaffee an der Strandpromenade. Eine Alte sammelt Müll auf, ein Alter sitzt einen Tisch weiter und hält sich sein tragbares Radio ans Ohr. Ein Junger serviert Kaffee und den Eindruck, ebenfalls sehr, sehr müde zu sein. Eine Bande von Straßenhunden jagt eine andere Bande von Straßenhunden.

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Der Strand von Durrës ist von überschaubarer Romantik.

Kinder sind auf dem Weg zur Schule und die Mode uniformiert die Masse: Sie alle sehen aus wie bei uns, vor allem die Mädchen. Die viel zu engen kurzen Hosen sitzen als Ganzes viel zu hoch oben und geben 13-jährige Pofalten preis. Riesige Handys in zu kleinen Händen. Und auch im Radio läuft das Gleiche wie bei uns: Der tätowierte amerikanische Nager singt Love Yourself und ich frage mich, was tut der in Albanien? Aber so funktioniert unsere Welt. Versorgt von einigen Wenigen bekommen wir alle das Gleiche. Globalisierung? Nein, Weltherrschaft!

Als Zielgruppe aus Allem rausgefallen nehmen Martin und ich die heutige Etappe in Angriff. Erstes Ziel: Tïrana.

Der Weg dorthin verläuft auf einer der besten Straßen des Landes: einer kaputten Autobahn. Tïrana kündigt sich durch links und rechts an der Autobahn hingestellte Industriebetriebe sehr gemächlich an.

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Škoda Tïrana.

Es ist der Stau, der glaubwürdig besiegelt, dass man in der Hauptstadt gelandet ist. Und dieser Stau hat schon etwas recht Südländisches, wenngleich nicht die Attribute einer Stadt wie Kairo, wo der Begriff Stoßverkehr sehr konkret die dortige Fahrweise beschreibt und die Hupe kein Signalhorn, sondern ein Instrument im Orchester darstellt.

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Martin wird langsam warm.

Die Stadt verfügt über ein gnadenloses Einbahnsystem, das den Eindruck hinterlässt, dadurch unendliche Umwege zu fahren. Die Navis sind am Rande der Selbstaufgabe, obwohl sie eigentlich das Management der Thematik beherrschen sollten. Tapfer gegenüber der Plagsal eines Tempos nahe am Stillstand rollen wir eselsgeduldig bis hin zu jener Straße, die uns durch eine äußerst reizvolle Gegend, die nicht umsonst zu einem Nationalpark erklärt wurde, führen will.

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Kreisverkehr in Tïrana.

Die „Straße“ gestaltet sich als totgefahrenes Schüttgut und was davon hart genug ist, noch nicht zu Sand zermalmt worden zu sein, wehrt sich auch weiterhin dagegen, während sich der Sand durch das Gewicht des Verkehrs in die Lüfte verzieht und ein boshaftes Loch zurücklässt. Jeweils.

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Der Einstieg zur „Straße“ = das Ende des Asphaltes plus Ochsenauge (Merc´W123).

So läuft mir Martin enduresk davon, der VW-Bus hat V-max 20 km/h. Das wird zäh, denk ich mir, als Martin zurückkommt. Er hat den weiteren Verlauf dieser Route ausgespäht: Die „Straße“ bleibt so und wir werden bei diesem Tempo wahrscheinlich erst zu Weihnachten im Kosovo ankommen. So weit wir schon sind – wir kehren um und fahren nicht nur die ganze Misere retour, sondern auch den Tïranischen Verkehr und die unsäglichen Einbahnen mit 20er-Beschränkungen ein zweites Mal. Navis führen uns in Sackgassen, die nicht im Schotter, sondern im Geröll enden. Jessasna!

Wir gehen auf einen Kaffee, um Lagebesprechung zu halten mit einer situationselastischen Entscheidung: Wir fahren die gleiche Strecke zurück, auf der wir hergekommen waren, bis Shkodär. Von dort aus werden wir nach Montenegro rauschen. Ob es eine gute Idee ist, dabei das Hinterland zu durchpflügen, wird sich noch herausstellen…..

Es ist natürlich etwas unsexy, die selbe, unspannende Route nochmals zu nehmen, aber nach Shkodra kommen wir ja wieder in unentdecktes Land.

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Eine Straße ohne Eigenschaften führt uns in Božaj über die Grenze. „Problem?“, fragt der Beamte, wohl bemerkend, dass wir in Albanien einen one-night-stand hatten. „Jo jo, ende!“, sage ich zurück, er zieht an seiner Tschick und grinst. „Udhëtim i mirë!“. „Falemnderit!“. Und weg wir sind. Der Asphalt ist nun deutlich weniger grantig als gerade noch in Albanien und geschwinde ist Podgorica und danach Danilovgrad erreicht. Und genau hier ist unser Abzweig nach Čevo. Und ab genau hier können wir wieder die Routenempfehlung aktivieren – und zwar bis nach Hause!

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Es ist der Beginn eines liebreizenden Wegleins, über das wir größtenteils einspurig, manchmal etwas exponiert, in jedem Fall aber sehr, sehr kurvig durch hügeliges Terrain nach Resna kommen werden. In den gut anderthalb Stunden macht Martin ein kurzes Schläfchen, zieht sich wegen Nieselregens seinen Gummi über, wir scheuchen Schafe von der Straße und begegnen niemandem außer sieben VW Golf.

Resna – Cekanje – Žanjev Do. Das Weglein bleibt in Ungefähr so. Und plötzlich schauen wir runter auf Kotor:

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Ohne es realisiert zu haben, befinden wir uns ganz droben im Satellitenbild der Etappe 4, am Beginn der Serpentinen. Die hinter Schleierwolken darbende Sonne sendet diffuses Licht in eine unwirkliche Landschaft, die wir schweigend bestaunen.

Alles Gute kommt von oben, nachdem es sich sattgesehen hat: Die Talfahrt ist mit über 20 Kehren sportlichen Schwüngen zugetan. Eine zinnenhafte Steinmauer begrenzt die Straße, auf der sich zumeist maximal ein Auto ausgeht, dem Tale zu. Fährt man gegen die Mauer, ist das Auto schon hinüber, noch bevor man runtergekugelt ist. In aller Kürze:

Unten angekommen und Adrenalin ausdünstend würde ich die Strecke gern nochmal fahren, nämlich aufwärts, also unter Zug. Martin überlegt kurz, ich auch und wir lassen es bleiben. Der Tag ist schon lang genug, Martin tut der Hintern weh und letztlich reguliert der Hunger die Hormonlage. Nach Bijela ist es außerdem nicht mehr weit, denn wir werden nicht wie bei der gestrigen Hinfahrt die ganze Bucht ausfahren, sondern kurz vor Kotor links abbiegen Richtung Fährhafen Lepetane-Kamenari.

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Am Weg zur Fähre.

Am Campingplatz Zlokovic werden wir von einem lockeren Typ auf einen Standplatz fast schon im Meer eingewiesen, von wo es drei Meter zum Restaurant sind, von wo es zwei Minuten zu einem kleinen Bier sind, das nach einer Minute weg ist.

Heute werden wir keine Route mehr planen, sondern genußvoll den Tag revue passieren lassen, Essen aufnehmen und schlafen gehen. Morgen ist vorletzter Tag, also der letzte Tag vor dem letzten Tag. Schade eigentlich.


 

 

Text & Fotos © Peter Philipp 2018