Christian Trebo tankt noch ein paar Liter Diesel rein, dann darf ich ihn endlich haben: Den VW Amarok mit dem 3-Liter-Turbodiesel.

Der Name des Wagens klingt nach einer Verwechslung, denn eigentlich sollte der Amarok als einziges Fahrzeug des Konzerns, das in serienmäßiger Konfiguration eine Chance haben könnte, in jene Gebiete vorzudringen, in denen sich die Touareg aufhalten, Touareg heißen. Die Touareg leben in der Sahara und dort, aus nördlichster Sicht, in den Gebieten von Ghat bzw. Djanet in Libyen. Als wir dort waren in den 90ern, gab es noch keinen Amarok, weshalb er auch in den Offroad-Witzen, die wir dort hörten, nicht vorkommen konnte:

Worüber sprechen Puch G-Fahrer, Land Rover-Fahrer und Landcruiser-Fahrer, wenn sie einander in der Wüste treffen? Die Puch G-Fahrer erzählen darüber, wo sie überall hängen geblieben sind, die Land Rover-Fahrer, wo es die günstigsten Ersatzteile gäbe und die Landcruiser-Fahrer schildern, wo sie überall gewesen waren. Dieser Scherz zeigt auch auf, dass es bei Offroadern um wahre Geländekompetenz geht und sich in Extremsituationen bei jedem Fahrzeug spezifische Schwächen zeigen. Aber dazu später mehr und aus dem Munde eines Berufenen…..

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Dass der Amarok nun nicht Touareg heisst, ist dem Volk der Inuit zu verdanken, die im nördlichen Kanada und auf Grönland beheimatet sind. Bei ihnen steht der Amarok (Amaruq oder Amaguk) für eine kryptozoologische Mythenfigur in Gestalt eines riesigen Wolfes, der nicht in einem Rudel lebt, sondern einzelgängerisch alles jagt und verspeist, was nicht vegan ist und dumm genug war, sich nächtens alleine draussen aufzuhalten.


Das trifft gerade genau mein Stimmungsbild. Denn ich sitze nun auf Augenhöhe eines Amaruq und setze zum Überholen an. Der Amarok reisst sich aus dem Gefüge, als wäre er von allen Göttern des Nordens absichtlich verlassen worden, weil sie Ansicht sind, daß sie das einem Amarok aus heiligen Gründen nicht verwehren dürften. Wie aber sonst sollte der Amarok Beute machen, wenn nicht durch enorme Kraft im Moment?

Andererseits ist der Amarok selbst die einzige Beute, die ihrem Jäger auflauert: Er sucht nach der artgerechten Behandlung.

Er ist kein Derivat eines gezwungenen Lifestyles, sondern echt und pur bis hinein in den Leiterrahmen und in die Blattfedern, die Starrachse und den verwegen ernsthaften Mut, sich in sämtlichen entlegenen Gebieten dieser Erde dienstbar machen zu können.

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Der Wagen wiegt 2,2 Tonnen, an denen sich 224 PS abarbeiten. Doch wie das Fabeltier hat der VW den Grips vorne, den Schwerpunkt in der vorderen Mitte, verteilt den Grip auf vier Pfoten und beschleunigt ohne Unterbrechungen. In Kürzeln verdeutlicht: 3,0 Liter-TDi, 8-Gang-DSG, 4motion. Diese Kombination ist von erhabener Heiligkeit, denn die Kraft scheint ihm niemals auszugehen und man ahnt, wie egal dem Amarok ein schwerer Anhänger sein würde. Die Kombination der Komponenten wähnt sich als Souverän, wenngleich dieser Motor heute nicht mehr zu haben ist: Er leistet nun entweder 204 oder wahlweise 258 PS und letzterer Version pumpt er ein Drehmoment von 550 Nm in den perplexen Untergrund.

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VW-thek: Als würde man in einem Golf sitzen. Einem sehr dicken halt.

Von phantastischer Komplexität ist auch die Gedankenvielfalt über die Möglichkeiten, was man mit diesem Auto alles anstellen könnte oder wohin man damit hypothetisch gelangen würde. Und in welcher Vergnügung am Fahren das alles vonstatten ginge, will man sich gar nicht ausmalen, vergegenwärtigt man sich die luxuriöse Wohnsituation.

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Der Herr Fuhrparkleiter!

Als vorsteuerabzugberechtigtes Vierrad ist er bei Unternehmern sehr beliebt, deren Hauptangriffsgebiet eine Baustelle, ein Häuschen in den Bergen oder der Wald zum Jagen und Forsten darstellt.

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Der Herr Bauherr!

Einige jedoch genießen sich im erhabenen Vorfahren der Attitüde wegen und sichern die Würde ihres Auftrittes vor der Oper dadurch, den Amarok in keiner Signalfarbe bestellt zu haben.

Zur erwähnten und verträumten Vergnügung zählt in erster Linie die Leichtigkeit des Fahrens. Der Wolf lässt sich mit zwei Fingern dirigieren: Außer zu lenken und Musik zu hören bleibt nicht viel zu tun, das Auto verfügt sich in Automatismen. Höchstens in flott gefahrenen Kurven meldet sich die drängende Masse im physikalischen Kontext und gemahnt zur Milde. Ansonsten säuselt der Sechszylinder vibrationsfrei, höchstens unter Volllast klingt er ein wenig räudig, aber cool räudig.

Seine Kompetenzen sind souverän auch in Bezug auf seine Fähigkeiten, die Beute heimzubringen: der Motor, das Getriebe und der Allrad im Kern, aber auch die Zuladung (ca. 1100 kg), die Anhängelast (3500 kg) und insgesamt die Dimension des Fahrzeuges, mit welchem ja nicht nur die Erlegten, sondern auch noch 5 Menschen unterwegs sein können. Dazu addiere man die mögliche Wattiefe, die mögliche Verschränkung, die möglichen Böschungs- und Rampenwinkel und schon ist man im Metier der ernsthaften Offroader angelangt.

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Das Trittbrett aus Alu nagt an der Bauchfreiheit, die Verschränkung dagegen nicht.

Das Betriebshandbuch kommt einer Fahrausbildung gleich und widmet sich seitenweise dem Fahren im Gelände. Wiederholtes Zitat: „…..können Sie oder ihre Beifahrer schwere oder tödliche Verletzungen davontragen….“. Sinnerfassend gelesen bedeute das Fahren im Gelände eine Gefahr für Leib und Leben. Natürlich ist dem so, trotzdem erinnern solche durch Rechtssicherheit geforderten Statements vergleichend daran, dass man auch eine Katze nicht in die Mikrowelle stecken sollte, um sie trocken zu bekommen.

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Beim Bergabfahren sollte man darauf achten, nicht zu sterben.

Die Mehrzahl der Amaroks wird niemals im Gelände gefahren und wünscht sich manchmal eine schön geformte Düne, um der unterfordernden Langeweile zu entweichen. Neidisch blicken die Haus-Amaroks auf ihre Verwandten, die raus dürfen und beweisen können, dass sie mehr draufhaben, als man ihnen zutraut.


Weil die wirklichen Freaks, die Mädels und Burschen, welche hemdsärmelig und auf Schonung generell verzichtend ihre Amaroks in schweres Gelände schleifen, rufen die Fähigkeiten des Wagens schon bis in das letzte Zähnchen des Sperrdifferentiales ab.

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Daniel auf dem Weg zur Oper. (Foto © Daniel Walch)

Mein Freund Daniel zum Beispiel lässt seinen Amarok regelmäßig von der Leine, ob in Marokko, in Rumänien, in der Ukraine, in den Pyrenäen oder in speziellen Offroad-Trainings, um sich in Situationen zu bringen, in denen ohne Seilwinde, MT-Reifen bzw. 100%-Sperren rein gar nichts mehr ginge. Über den Amarok berichtet Daniel Folgendes:

„Der Amarok ist im Gelände und auch schwerem Gelände überraschend gut. Selbst langjährige Offroader (Reiseveranstalter, Trainer…) haben das Auto anfangs massiv unterschätzt. Bei meiner schwersten Offroad-Tour durch Rumänien wurden, als ich ankam, von den Defender- und Jeep-Wrangler- Fahrern Wetten abgeschlossen, wie lange ich durchhalten würde – die meisten tippten auf 1-2 Tage. Der Amarok machte aber die ganze Woche (fast) problemlos mit.
Es ist wie immer im Gelände: 70% macht der Fahrer aus und 30% das Auto. Man muss einen Amarok anders fahren als einen 90er Defender – der schieren Größe des Autos wegen.
Der niedrige Schwerpunkt macht das Auto aber auch in Schrägfahrten sehr stabil.
Das Auto kann echt viel – tiefes Wasser machte nie Probleme – keinerlei grobe technische Probleme (außer 1x die Kupplung nach 3 Wochen Wüste) in wirklich hartem Gelände.
Für Offroad-Reisen ein super Auto – ausreichend Luxus (Klima, Leder, Sitzheizung, Navi…), viel Platz (auf der Ladefläche) und mit Allrad und Hinterachsen-Differentialsperre sehr geländegängig. Einzig das Abdichten der Ladefläche ist bei meinem Auto ein Problem. Bei starkem Regen kommt immer Wasser hinein.“

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Modifizierte Frontschürze: dem Böschungswinkel geschuldet. (Foto © Daniel Walch)

Daniel hat seinen VW Amarok BiTurbo 2011 Highline natürlich den Herausforderungen angepasst:
– Schnorchel (Luftfilter auf Dachhöhe, damit kein Sand oder Wasser angesaugt wird)
– OME – Fahrwerk (spezielle Federn/Stoßdämpfer)
– Horntools Seilwinde (um sich oder den festgefahrenen Freund zu retten)
– Aluminium Unterfahrschutz (um die Ölwanne zu bewahren)
– Rockslider (damit einem kein Fels den Bauch aufschneidet)
– Doppelbatteriesystem (damit die Starterbatterie ihre Ruhe hat)
– MT Reifen (mud terrain, also Vortrieb im Gatsch)
– Frontschürze zugeschnitten (des Böschungswinkels wegen)
– Heavy Duty Windenanschlagpunkte vorne und hinten verschweißt
– Offroad – Innenausbau (Eigenbau) inkl. Schlafmöglichkeit

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Hier ein plausibler Grund für die Wahl von MT (mud terrain) – Reifen. (Foto © Jörn Bäumer)

Hätte es damals den Sechszylinder schon gegeben – Daniel hätte sich der Mehrleistung wegen für ihn entschieden (die 163 PS seien doch etwas wenig bei 100% Steigfähigkeit). Und noch etwas würde Daniel gern anders haben: „Um den Dieselfilter zu wechseln, braucht man einen Computer“. Die Komplexität, wie er meint, sei zu hoch für wirklich schweres Gelände. Versuch mal, in تتيغـادويـن einen Computer zu finden mit der entsprechenden VW-Software…….

Im Gedanken an so eine Situation fühlt sich der Haus-Amarok sofort wohl behütet und in Sicherheit. Untertags mal einen Waldweg zu nehmen, abends vor der Oper zu glänzen und vor der Brutalität mancher Amarok-Besitzer bewahrt worden zu sein, stillt das kurze Fernweh auf schlichte Weise.

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Aber können täte der Amarok! Wie der Wolf!


Text & Fotos © Peter Philipp 2018