Das hehre Vorhaben, uns früh schlafen zu legen, war überraschend gescheitert. Eine tausendjährige Reisegruppe aus Liverpool, von feinem britischen Humor und königlicher Trinkfestigkeit, legte uns im Restaurant vor Anker.

car_ving_tour18_1_8678

Dennoch sind wir vor Sonnenaufgang in der Vertikalen, zumindest halbwegs. Die Routenplanung an der Mole ergibt folgendes Ergebnis:

Etappe 6 | Bijela – Trebinje – Stolac – Čapljina – Ljubuški – Vrgorac – Baška Voda – Omiš

tour_6

Martin also startet seine Kawa viel zu früh für alle anderen an, die aber durch eine Rauchwolke anästhesiert werden und dadurch weiterschlafen können.

Es sind nur ein paar Kilometer, die wir in forscher Gangart dem eigenen und vollständigen Erwachen widmen und schon sind wir an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina.

car_ving_tour18_1_8697

Grenze: no prob. Wir sind die Einzigen und schauen so quer drein, dass sich der Grenzbeamte mit sich selbst darauf einigt, dass wir den Alkohol, den wir ins Land schmuggeln, geschickt in unseren Blutbahnen versteckt haben.

Es braucht also eine entspannte Strecke mit möglichst wenig Verkehr und wir hoffen darauf in eigentlicher Erwartung, denn bis zur Grenze selbst herrschte schon tote Hose im Sinne von effektivem Fahrvergnügen.

Ab der Grenze ändert sich nichts in Bezug auf die Verkehrsfülle: Allein wir sind und wir werden es auch bleiben, selbst im Tal der Milliarden Schmetterlinge.

Es handelt sich um ein sehr breites Tal und am einen Rand schmiegt sich eine gewundene Straße ans gewundene Gelände. Schlangen queren, auch kleine Schildkröten, vor allem jedoch unzählige Schmetterlinge. Tempo runter, genießen. Das Tal selbst ergrünt gerade, fühlt sich schön und strahlt es auch aus.

car_ving_tour18_1_8702

Die Reise durch diese Gegend dauert eine gefühlte, kostbare Ewigkeit, Kurve um Kurve, zwischen die sich dann und wann eine Gerade legt. Erst irgendwann steigt die Straße im Gelände auf und das Blau des Himmels stimmt sich zum Blaugrau um. Martin ist weit voraus, weil er weder so viel überfahren kann wie ich und auch nicht über eine Fahrzeugfront in den Tod schickt, was einer huldvollen Zukunft entgegenschauend meinen Weg mit 80 km/h unabsichtlich kreuzen musste.

Diese Straße ist eine sehr konkrete Empfehlung, denn sie ist aus jeder Hinsicht absonderlich, selbst wenn aus dem Blaugrau nun ein Dunkelgrau wird und ich denke, dass Martin wohl schon im Regen fährt oder sich in Sicherheit gebracht hat.

car_ving_tour18_1_8706.jpg

Irgendwo zeigt mir mein persönlichkeitsgestörtes Navi einen Abzweig an, den ich nun glauben kann oder nicht. Es beginnt ein bisschen zu Regnen, gleich darauf regnet es stark. Jetzt hagelt es und ich hoffe, dass Martin, den ich versuche, telefonisch zu erreichen, nicht im Hagel ist. Die Liverpooler hätten in eleganter britischer Art etwas gesagt wie: “ This fuckin´guy is fuckin´bloody fucked up.“

Ich will dem Hagel davonfahren und gebe Gas. Die Scheibenwischer überholen einander im Hilfsdienst, die Winterreifen greifen tief und generieren meterhohe Wasserfontänen, schwimmen aber dann und wann auf in den von Spurrillen geprägten Asphalten Südbosniens. Tatsächlich schaffe ich das Manöver und fahre dem Gewitter davon, aber nur um eine gewisse Haaresbreite, denn es folgt mir Richtung Süden.

car_ving_tour18_1_8757.jpg

Martin ruft an – er sei im Trockenen und auch nie nass geworden. Aber er erwarte mich, um sofort weiterzufahren, denn das Unheil sei auch noch von ihm aus sichtbar und würde rasch näherkommen.

No prob, denk ich mir, weil ich sitze stets im Trockenen, bewege mich aber weit über dem Tempolimit, um ihn einzuholen. Und da ist er, in Vrgorac und wir sprechen nur für eine Minute, denn ringsum ist Donner zu hören. Dass der Weg ein eigentlich fantastischer ist, tritt im Gejagdsein in den Hintergrund und so fetzen wir dahin in einer spannenden, spielerischen Panik, länger zur Küste zu brauchen als das Unwetter. Auf dem Weg kommen wir an unzähligen VWs vorbei, die am Straßenrand stehen, auf etwas wartend oder für immer, indem sie von der Natur verschrottet werden.

Wir machen uns eigentlich ganz gut, als plötzlich die Küste in einer Ästhetik erscheint und die strassenbauliche Kunst dorthin nicht genügend gelobt werden kann. Wir nehmen eine klitzekleine Pause, schauen aufs Meer in erhabenen Posen, während sich hinter uns Wolkentürme aufbauen und sie werden uns einholen, oder nicht?

car_ving_tour18_1_8771

Ja, werden sie. Wir sitzen da aber schon als einzige Gäste in einem Wirtshaus auf einer Anhöhe vor Omiš und betrachten das Zusammentreffens des Gewitters und dem Meer: Zeus gegen Poseidon, erste Reihe fußfrei.

Martin bestellt Gefullte huhntrommelschlages, ich die Gefullt huhndatei….und bestellen uns noch 30 MB Kartoffeln dazu. Was wir nicht zusammenessen, nehmen wir als huhn.zip mit auf den Weg.

Bald ist der große Tumult vorüber, der Regen indes nicht. Martin muß für die letzten paar Kilometer wieder mal ins Gummikostüm. Es schüttet zwar nicht mehr, dennoch sind wir auf einer Bananenschale mit Mittelstreifen unterwegs, als der Voll***** von einem A******** vor Martin eine Vollbremsung aus dem Nichts wegen Nichts vornimmt.

Martin, dem man nicht nachsagen kann, schnell in Panik zu geraten, reagiert richtig und routiniert. Seine Sensoren sagen ihm, dass sich das nimmer ausgeht und behende legt er sein Bike kontrolliert, rutscht mit ihm dahin und kommt wenige Zentimeter hinter dem Voll***** , der nichts mitbekommt und weiterfährt, zum Stillstand.

Martin erhebt sich majestätisch, prüft seinen Zustand und danach den seiner Kawa. Die Gabel ist etwas verzogen, aber justierbar. Der Fußbremshebel allerdings schaut im rechten Winkel in die falsche Richtung. Ist aber ebenfalls justierbar, und zwar mit einer Campinggaslampe.

IMG_20180524_075819

Hier wird mit modernsten Mitteln erwärmt und bis knapp vor der Bruchgrenze gebogen. Vernünftig repariert wird der Hebel erst daheim.

Die Wanderung zum abendlichen Bierchen führt durch den Campingplatz zum Strandcafé und hindurch vieler langweilig weißer, fetter, unförmiger Wohnmobile. Mit einer einzigen Ausnahme:

IMG_20180524_092145