Seat scheint gerade alles richtig zu machen – so könnte man die Lieferprobleme interpretieren, in die Seat geraten ist, da die Nachfrage gerade die Produktionskapazitäten so überfordert wie der deutsche Satzbau den österreichischen Fußballer. Nun, ist so, aber was ist es, was Seat gerade so erfolgreich macht?

Um das herauszufinden, muss man nur zwei Dinge tun: Anschauen und Fahren. Das Design trifft den Nerv der Zeit genau so wie die Bauform des Ateca, denn die SUVs machen gerade das große Rennen. So ist der Ateca nach seinem kleinen Bruder Arona zur Zeit der erfolgreichste Seat und damit stets unter den Top-20 der meistverkauften Autos in Österreich zu finden (der VW T-Roc bzw. der Škoda Karoq ebenfalls).

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Geht man um den Ateca rum, so sammeln sich die Eindrücke auf ambivalente Art. Von vorne betrachtet fällt die seit dem neuen Leon typische Leuchten-Signatur in LED auf, die der gesamten Marke einen gewaltigen Wiedererkennungswert beschert. In der Seitenansicht teilt er sich die aus dem Rechteck gekrümmten Radausschnitte mit dem Karoq und dem Kodiaq, während der Arona und der im Herbst kommende Tarraco auf den Kreisbogen setzen.

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Apropos Karoq: Schlurft man Richtung Heck und schaut nach vor, ist es mehr als auffällig, dass das Design des Karoq praktisch identisch ist. Dabei war Jozef Kaban, damaliger Chefdesigner bei Škoda, genauso stolz auf seine Arbeit wie sein Kollege Alejandro Mesonero-Romanos von Seat.

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Ateca versus Karoq

Um der Frage auf den Grund zu gehen, in welchem Maß der Zufall eine Rolle spielte oder doch das Prinzip der gleichen Teile im Sinne des Baukastensystems, finden wir eine mögliche Antwort in der NZZ vom 26.5.2017 aus einem Interview mit Alejandro Mesonero-Romanos:

NZZ: „Gibt es Design-Richtlinien innerhalb des VW-Konzerns, die Sie bei der Arbeit einschränken?“

Alejandro Mesonero-Romanos: „Nein, wir haben völlige Freiheit. Es kommt hinzu, dass wir seit einigen Monaten mit Matthias Müller an der Spitze des Konzerns jemanden haben, der eine stärkere Differenzierung zwischen den Marken wünscht. Das hilft uns sehr und lässt uns in Ruhe arbeiten.“

Von politischer Diplomatie gereinigt sagt der Designer nichts anderes als: Eh! Und Matthias Müller, der ja nur kurz in Amt und Würden war, scheint die Fesseln gelockert zu haben, denn die nachfolgenden Modelle Ibiza und Arona zeichnen sich durch sehr eigenständige Formgebung aus (der Tarraco wird da noch nachlegen).


Wie auch immer – Hauptsache, die Autos schauen gut aus. Denn, dass schlüssige Proportionen bei SUVs eine Herausforderung für die Designer darstellen, wurde gleich zu Beginn des SUV-Boomes sichtbar, wenngleich die Modelle trotzdem erfolgreich wurden.

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Unser Ateca hier trägt den 2,0 TDi mit 190 PS in sich, die Leistung wird via 6-Gang-DSG auf alle Räder verteilt (4Drive). Damit sind wir beim Fahren und darüber gibt es mehr zu sagen als dass er stark genug ist, den Pflug über den Acker zu ziehen, Das Getriebe ist mit dem Motor eng befreundet und der Allrad würde alle Pfade trampeln. Kurzum: Der Ateca macht sich mit breiten Reifen, straff abgestimmtem Fahrwerk und präziser Lenkung die Straße untertan.

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Gerade der Allrad bereichert den Ateca um einige Möglichkeiten des Weiterkommens und wie immer die Wetterlage oder die Fahrbahn beschaffen sein sollte, hat der Wagen ein paar hilfreiche Assistenten verbaut, welche darum bemüht sind, stets und je nach dem die korrekte Dosis von Kraft und Drehmoment an den Antrieb weiterzureichen.

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Die Angebotspalette reicht von ECO, wo der Wagen in den Freilauf (Segeln) geschickt wird, wenn man vom Gas geht, über den Race-Mode, wenn man durstig zum Wirten will, bis hin zu Gelände und zum Schnee, wo dem Ateca virtuelle Ketten angelegt werden.

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Insgesamt ist komfortables und sicheres Vorankommen garantiert und genau so fühlt es sich an, bezieht man die erhöhte Sitzposition und den damit gewonnen Überblick noch mit ein.


Noch geheimnisvoll und interessant ist ein kleines Hebelchen mit großem Effekt:

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Das Ding versteckt sich hinter dem Lenkrad, aber wenn man es für sich entdeckt hat, wird es einen nicht mehr loslassen. Mit dem Hebelchen stellt man nämlich nicht nur den Tempomaten ein, sondern auch die Distanz zum Fahrzeug vor einem. Zusammen ergibt das ein teilautonomes Fahren, weil man selbst nur mehr Lenken muß. Und sind die Bodenmarkierungen, also Mittelstreifen und Begrenzungslinien nicht vor Christi Geburt aufgemalt worden, nimmt einem der Spurhalteassistent das theoretisch auch noch ab. Der Witz an dem System ist, dass es bestens funktioniert:

Man stelle den Tempomaten auf 50 km/h und rolle durchs Ortsgebiet. Durch den deppert eingebogenen Traktor bremst sich der Ateca auf dessen Tempo ein. Sobald der Traktor sich ins Agrare verfügt hat, beschleunigt der Wagen wieder auf die 50. Vor dem Zebrastreifen gibts´ kurzen Stau, der Seat hält an und hängt sich danach im jeweiligen Tempo an die Kriecher ran. Ortsgebiet aus, Tempomat auf 80 und so weiter. Lässig, das, und sehr entspannend! Dass der Ateca auch selbst einparken kann und das sogar in einer gewissen Rasanz, aber sehr perfekt, ist dann fast schon peinlich.

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Im Cockpit kann man viel zu tun haben, muß man daher aber nicht. Leder und Alcantara mischen sich mit robusten Oberflächen, die Armaturen sind digital. Natürlich gibt es eine Unzahl an Parametern, die man einstellen und sich anzeigen lassen kann.

Der Innenraum ist großzügig dimensioniert und auch Erwachsene haben es im Fond sehr kommod, während man den Kofferraum noch mit einem ausgestreckt schlafenden Bernhardiner auslasten könnte. Der Kofferraumdeckel übrigens hat eine Selfie-Kamera verbaut und schon daran erkennt man die Zeitgeistigkeit Seats.

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Das Panorama-Glasdach, das vor allem aus der hinteren Sitzreihe den Blick nach oben eröffnet, macht nicht nur in der Bergwelt Sinn, sondern generell in einem Konstrukt der Idee, welche erst von einem Hersteller realisiert wurde: Land Rover. Der Evoque ist bislang das einzige SUV-Cabrio, aber er hat Schwächen in der Antriebskultur und seine Optik ist auch nicht (mehr) state of the art. Wie wärs also, Seat?

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Der Name Ateca übrigens entstammt, so wie bei Arona, Ibiza, Leon oder Alhambra traditionell von einer spanischen bzw. katalanischen Örtlichkeit. Das in der Provinz Saragossa gelegene Ateca kommt mit dem Seat zu fast übergebührlichen Ehren, denn es ist ein Dörfchen mit nicht mal 2000 Einwohnern. Damit ist klar, dass der Ateca nicht in Ateca gefertigt werden kann, aber er entsteht auch nicht im Stammwerk Martorell bei Barcelona. Nein, er wird im über 2000 km entfernten tschechischen Kwasin (Kvasiny) gefertigt, im selben Werk wie der Škoda Karoq und auch der Kodiaq. Was für ein Zufall!


Text & Fotos © Peter Philipp 2018