Where are the times?

Mit den Krägen blumiger Hemden konnte man bei Föhnwind abheben, die Hosen glockten über ledernen Stiefletten und Samtsakkos gab es in allen Farben, vor allem in schrillen. Der Weltgeist wollte nicht fesseln, engen, sondern heben, weiten. Die 60/70er-Jahre waren ebenso besondere Zeiten wie alle anderen Zeiten auch, aber eben vielleicht einen Tick besonderer. Die Jugend begann damit, sich von Konventionen zu lösen und verabsäumte dabei nicht die Gelegenheit, gegen eine komplette Generation von braven, langweiligen und nun verschreckten Eltern aufzubegehren.

Man tat dies anhand ungezügelten Haar- und Bartwuchses, solide eingeraucht bemalte man seinen VW-Bus mit der gängigen Symbolik für Liebe und Frieden und die Musik roch nach LSD. Die Amerikaner waren wie immer im Krieg, drei von ihnen angeblich sogar auf dem Mond. Mit Sicherheit in den Himmel gekommen war indes Martin Luther King und der Rest der Aufmüpfigen war auf Studentendemos.

Die 60/70er-Jahre bleiben im Gedächtnis. Diese kurze Zeitperiode mit dem Höhepunkt der 68er erscheint in der Erinnerung wie ein plötzliches, helles Erwachen der Menschheit. Kurz darauf schlief sie allerdings wieder fest ein, um sich von den durchgehend berauschten Jahren zu erholen. Die Blumenhemden wurden wieder ersetzt durch die Kleidung der Eltern im Begreifen, daß man zwar nicht mehr in der Zelle, sondern immerhin im Hofe des Gefängnisses saß.

Es war eine kleine Revolution, aber keine Evolution gewesen. Nicht, dass in diesen Jahren die Abkehr vom Energieträger Öl geschehen wäre. Nein, stattdessen folgte die Ölkrise (seit den Weltkriegen tarnen sich die Wirtschaftskriege nunmehr als Krisen). Man durfte an einem Tag der Woche nicht mit seinem Auto fahren, manifestiert durch ein schwarzweißes Pickerl auf der Windschutzscheibe, auf dem sich der verbotene Tag outete.

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Zu den besonderen Merkmalen der 60/70er gehörte vor allem die Denke im Design, gleich einer Strömung, stark wie eine Renaissance, die jedoch nur an die Kreativität gerichtet war und damit die Freiheit des Denkens wiederauferstehen lassen wollte. Und das Design dieser Tage war bunt und illuster und das nicht nur bei Tapeten, in der Mode oder auf Plattencovers, sondern eben auch im Automobilen.

Die Heckflosse aus 50/60 war noch diminuierend zu sehen, woanders mehr als bei uns, stimmt, denn hier hielten deutsche Fabrikate die Mehrheit und jene entsprachen weniger der zeitgeistigen Strömung als mehr der grübelnden Fragestellung darüber, wie man sich jetzt richtig verhalten sollte.

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Aber es gab auch noch jene Typen, denen ziemlich alles egal war und die nur Spaß in der Zeit haben wollten. Und dazu brauchte es in diesem speziellen Fall nicht mehr als ein paar Kilo Kunststoff, einen alten VW Käfer und eine spritzige Idee.

Typen, die so denken, sterben natürlich weder aus, noch wurden sie in den kollektiven Schlafzustand mit hineingezogen. Nein, diese sind stets hellwach, wie damals open minded und dem Schrägen zugetan. Irgendwie sind wir jetzt thematisch bei einem sehr gechillten Typen: Friedrich Angerer.


Friedrich wird nicht wie Friedrich Schiller Friedrich genannt, sondern Fritz. Fritz sollte aber Friedrich genannt werden, weil er wie Schiller, Gulda, Nietzsche, Dürrenmatt, Hebbel, Hölderlin oder Schopenhauer ein Eigentum pflegt und ganz im Gegensatz zu seinen Namenskollegen eines mit vier Rädern.

Dessen Hinterräder sind gespreizt wie die Beine einer Domina im Akte des Unterwerfens, am Heck  hängt das aufpolierte Gemächt eines Platzhirsches, das Lenkrad hat den Radius einer schlanken Taille und die Farbe knallt wie ein platzender Himmel: Friedrich hat einen Buggy. Einen der Wenigen, die überhaupt noch existieren und er ist in seiner Gesamtheit nichts anderes als Sex mit der Straße.

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Die Spreizung der Beine, technisch negativer Sturz genannt, ist der tiefsten möglichen Einstellung der Drehstabfedern geschuldet und das Gehänge, also die Auspufftröten inklusive chromröhrendem Motorschutz, hat Friedrich selbst eingebaut. Er hat sich das Zeug von einem Trike (=Tribike=Dreirad) organisiert.

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Aber nicht nur das. Friedrich hat so gut wie alles gemacht: Die komplette Bremsanlage, die Elektrik, die Glasfiberkarosse, den Rahmen, den Motor und sogar die Innenverkleidung. Alles wurde überholt, lackiert, poliert und mit Rostschutz gesalbt. Der Wagen ist in einem mehr als nur respektablem Gesamtzustand: Er glänzt und wäre nicht an manchen Stellen der Ansatz einer Patina zu erahnen, würde man auch glauben können, der Buggy sei fast neu, sicher aber nicht beinahe 50 Jahre alt.

Ein komfortables Reisen ist mit ihm nicht garantiert, für launige Ausflüge gibt er jedoch das Spaßmobil schlechthin. Der Kleine liegt nämlich recht unruhig auf der Straße, ist aber mit bloß 650 kg Gewicht für jeden Unfug zu haben. Friedrich sengt ihn in die Kurve, 50 PS entfalten sich in der Domina, es quietscht und der Buggy deutet an, sofort und sehr gern in eine 360-Grad-Wicklung übergehen zu wollen – eine Verknalltheit unsererseits setzt spontan ein.

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Denn um dieses Ding zu bewegen, braucht es Einiges an Können und es ist offensichtlich, das Friedrich den Wagen beherrscht. Sowas ist natürlich von immensem Reiz für Menschen mit fahrerischem Ehrgeiz. Man muss sich an so einem Auto sattfahren, danach aber ist man mit Sicherheit chilled on the base, dude.

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Der Motor sitzt hinten, weil der Buggy prinzipiell auf der Konfiguration eines gekürzten VW Käfers basiert. Die Idee dazu hatte ein gewisser Bruce Meyers und richtig: Ein solches Auto konnte nur aus dem sonnenverwöhnten Kalifornien kommen. Es war 1964, als Bruce dieses hippieeske Kit-Car auf die Straße schickte als Beginn eines kurzen, aber heftigen Hypes, der auch auf Europa übergriff. Hersteller von Karosseriebausätzen schossen aus den Böden und heimwerkselige Bastler schraubten diese in ihren Garagen auf die modifizierten Käfer-Plattformen.

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Aus einem Beitrag des deutschen Hobby – Magazines (© Hobby 1973).

Man konnte sich einen Buggy aber auch als Neuwagen kaufen, sogar von VW selbst – der GF wurde in Osnabrück von Karmann tausendfach gefertigt.

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Der Karmann GF Buggy von VW (Foto © Ralf Roletschek)

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Die Armaturen in Friedrichs Buggy stammen angeblich von Porsche. Ganz sicher aber kommt das kleine Lenkrad von Momo. Die Schalensitze mit Trägergurten hat Friedrich selbst reinmontiert. Es sei dann einfach ein kürzeres Gespräch mit der Polizei, welche bei Friedrichs Auftauchen jeweils vor der Entscheidungsfrage steht: sollen wir oder sollen wir nicht?

Heutzutage bekäme man einen Buggy von damals niemals mehr typisiert. Es waren auch die strenger werdenden Crash-Tests ab der 80er, die den Buggies das Leben schwer machten. Die Knautschzone bei Friedrichs Buggy beispielsweise besteht aus zwei schaumstoffgefüllten Plüschwürfeln……

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Friedrich übrigens ist Dirigent bei der VOWA, indem er sich sehr entspannt um alle organisatorischen Details des Schnellservice kümmert. Der Mann war sich sicher darin, ein Leben als Tischler führen zu werden und nun ist er seit 27 Jahren in der VOWA, weil er dann doch Mechaniker geworden war. Und nur als solcher konnte er sich einen Buggy zurechtschrauben, der die süße Erinnerung an eine einst bunte, verrückte Welt nicht in Vergessenheit geraten lässt!

Chapeau, Friedrich!

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Fotos & Text © Peter Philipp 2018