Während wir Österreicher in ein patriotisches Dilemma gestürzt wurden, als der Text unserer Bundeshymne einer sexuellen Neuorientierung zu unterziehen war, indem er um zwei Wörter ergänzt wurde („….und Töchter“), googelten Millionen von dadurch in Aufruhr versetzten Deutsche ihre Nationalhymne und stellten erleichtert fest, dass ihnen ein solches Drama erspart bleibt: „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang!“

Ist man kinderlos, kann man nicht wissen, wie wunderbar es ist, eine oder mehrere Töchter zu haben und wie spannend es ist, sie wachsen und gedeihen zu verfolgen. Die Volkswagen AG weiß das aber besser als viele andere, denn während die deutsche Frau im Schnitt 1,5 Kinder in die Welt setzt (also eines und ein halbes), würde der VW – Konzern mit zehn Töchtern (bzw. Anverwandten) unter dem NS – Regime das Mutterkreuz in Gold bekommen haben.

Doch bevor wir über die Kinder sprechen (und das Regime), wollen wir uns die Mutter genauer ansehen und der Frage nachgehen, wie man freiwillig so oft schwanger mit dem Gedanken einer Übernahme werden kann. Die Antwort darauf lässt sich nicht allein damit geben, dass VW bereits am Beginn seines Lebens Kraft durch Freude hatte, denn das Unternehmen hatte alles andere als einen einfachen Start.


In den dreißiger Jahren war der Besitz eines Automobiles einer wohlhabenden Schicht vorbehalten – ganz einfach deshalb, weil sich das Volk kein Auto leisten konnte. Das Pferdefuhrwerk und die Straßenbahn waren die dominanten Verkehrmittel. Adolf Hitler war nach einem leistbaren Wagen zumute: Er sollte eine vierköpfige Familie mit 100 km/h autobahnfest und sparsam befördern können und weniger als 1000 Reichsmark kosten (das wären heute in etwa 4000 €). Er äußerte das auch laut und Ferdinand Porsche erhielt den Auftrag zur Entwicklung eines solchen Autos. Um es produzieren zu können, plante man nicht nur ein riesiges Werk, sondern gleich eine ganze Stadt: die „Stadt des Kraft-durch-Freude-Wagens bei Fallersleben“, welche ab 1945 Wolfsburg heißen sollte. Als die wesentlichen Bauten standen, herrschte bereits seit einem Jahr Krieg und anstelle des KdF-Wagens wurden unter der Leitung von Anton Piëch Schwimm- und Kübelwagen, Panzerfäuste, Tellerminen und Teile für die V1 – Rakete produziert.

Im Wissen darum, dieses Werk noch brauchen zu können, hatten es die Alliierten nur halbherzig bombardiert, aber immer noch genügend beschädigt, um die Produktion von Fahrzeugen nach Kriegsende zum schwierigen Unterfangen zu machen.

Ab 1945 ging der KdF – Wagen, der nun Käfer genannt wurde, in Serie und das Unternehmen erhielt die Bezeichnung „Volkswagen“. Der Käfer kostete 5000 Reichsmark (in etwa 20.000 €) und war zehn Jahre später 1 Million mal gebaut worden.

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Der einmillionste Käfer (Foto © Ralf Roletschek)

1950 nahm VW mit dem T1 (dem VW Bus) die Produktion von Nutzfahrzeugen auf. Zehn Jahre später wurde VW als Aktiengesellschaft privatisiert und war zu diesem Zeitpunkt bereits der größte Hersteller der Welt.

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Das Werk Wolfsburg steht heute unter Denkmalschutz (Foto © Nibbler)

Nur zwölf Jahre später zählte irgendwer, wahrscheinlich ein Lehrling am Werkstor, 62.000 Arbeiter, der Jahresumsatz betrug bereits stolze 6,4 Milliarden DM (in etwa 3,3 Milliarden €).

Der Laden brummte also und VW war mit seinen achtzehn Jahren volljährig genug, um erstmals über Kinder nachzudenken. Von Daimler-Benz bekam Volkswagen 1964 seine erste Tochter – die Auto Union, die kurz darauf Audi hieß. Ihre beste Freundin wurde gleich mit in die Familie integriert, nämlich NSU.

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Vier Ringe: Audi, DKW, Horch und Wanderer (Foto © Commons, Jed)

1972 waren fast 200.000 Menschen bei Volkswagen beschäftig, der Umsatz war auf 16 Milliarden DM gestiegen (ca. 8,2 Mrd. €). Im selben Jahr knackte der Käfer die 15-Millionen-Marke und wurde damit zum meistgebauten Auto der Welt, wenngleich die Absätze sukzessive nach unten gingen.

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Der Käfer, auch Kugelporsche genannt (Bild © Peter Philipp)

Jedoch kam der Audi 80 auf den Markt, kurz darauf der Passat und dann der Golf. Letzterer sollte 2002 den Käfer als meistverkauftes Auto des Universums ablösen.

Die Produktion des Käfer lief 1978 zugunsten der Herstellung des Passat in Deutschland aus, er wurde aber bis 2003 im Werk Puebla in Mexiko weitergebaut. 1978 wurde VW auch ein zweites Mal in Nordamerika aktiv, denn als erster ausländischer Autohersteller eröffnete VW ein Werk in den USA – in Westmoreland, Pennsylvania, um dort den Golf als Rabbit zusammenzuschrauben. Das Werk wurde allerdings 1988 geschlossen.

Die nächste Tochter kam 1986 in die Familie und hieß Seat und war das Ergebnis einer spanischen Romanze. 1991 folgte Škoda Auto nach, weil auch Tschechien sehr fesch ist. Zwei Jahre später trat Ferdinand Piëch, Ferdinand Porsches Enkel, an die Spitze des Konzerns und unter seiner Leitung geschah sehr viel an Prägendem für VW, aber abgesehen davon bekamen Audi, Seat und Škoda in den Neunzigern ein neues Geschwisterchen, nämlich Bentley. Das 1919 gegründete Unternehmen aus Crewe im britischen Cheshire passte als noble Tochter mit erhobener Nase gut in die Familie.

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Die Tochter wohlhabender Eltern: Bentley (Foto © Peter Philipp)

Und 1989 bereits hatte VW über seine Tochter Audi ein Enkelchen bekommen: Den aus dem italienischen Sant´Agata Bolognese stammenden Hersteller renommierter Sportwagen, nämlich Lamborghini! 2011 sollte ein Zweites gekommen sein, aber ein erstes Zweirad und wiederum italienischer Herkunft: Ducati aus Bologna!

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Ducati (Foto © Rrohdin)

Anno 1998 kam es zur Adoption eines weiteren Töchterchens, denn da erwarb VW die Namensrechte an Bugatti. Die Automarke gab es ja schon seit 35 Jahren nicht mehr und so machte sich VW daran, diese mit dem Veyron wiederzubeleben.

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An der Form des Bugatti Veyron war der ehemalige Škoda-Designchef Jozef Kaban beteiligt (Foto © M93)

2006 eröffnete VW ein Werk in Russland und 2008 eines in den USA. Der chinesische Markt war ja bereits seit 1986 mit dem VW Santana versorgt worden, 2010 allerdings wurde China zum größten Absatzmarkt für VW.

Mit Giorgio Giugiaros Designbüro Italdesign wurde 2010 zwar kein neues Kind zur Welt gebracht, sondern ein Geburtshelfer eingekauft, der für die erfolgreichen Modelle Golf, Passat, Scirocco und Polo verantwortlich zeichnete.

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Giugiaros Meisterwerk – der Golf (Foto © Peter Philipp)

2011 und 2014 bekam VW neuerlich Nachwuchs, diesmal ziemlich korpulenten zwar, doch mit den hohen Umsätzen musste man die Kleinen ja nicht asketisch nähren. Zuerst kam MAN und danach Scania, beide LKW-Hersteller mit illustrer Tradition, in die Familie.

Heute arbeiten ca. 640.000 Menschen für VW und erwirtschafteten 2017 einen Umsatz von 230,7 Mrd € !

Die Volkswagen AG ist übrigens mehrheitlich im Besitz der Familien Porsche und Piëch und ist somit, eigentlich, österreichisch und das, obwohl die österreichische Frau um 0,4 Kinder weniger bekommt als die deutsche……

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Porsche Dreikantschaber (Foto © Peter Philipp)

Apropos Porsche. Auch wenn das Unternehmen 2012 komplett von VW übernommen worden war und somit zu einer Tochter wurde, so war und ist die familiäre Situation doch etwas diffiziler. Porsche und Volkswagen stehen einander nämlich vom Grad der Verwandtschaft her völlig anders gegenüber: Porsche wird sich zurecht als Vater sehen wollen – wir erinnern uns an Ferdinand Porsche als Konstrukteur des Käfers.

Wer sei aber dann die Mutter? Nun, das lässt sich wohl nicht genau sagen. Tatsache ist, dass Ferdinand Porsche mit der Konstruktion des Käfers damals einige Probleme hatte, die zeitlichen und finanziellen Rahmenbedingungen einzuhalten, außerdem haperte es an der Standfestigkeit der von ihm angedachten Motoren. In der Not wurde um Hilfe gerungen und, an Ferdinand Porsche vorbei, hier gefunden:

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Mercedes 170 H (Foto © Daimler AG)

Selbst, wenn man es nicht wahrhaben möchte, ist der Käfer sehr nach der Mutter gekommen……..


 

Text © Peter Philipp 2018