Uuidinge, Uuindiga, Windingun, Windingis, Wendenges, Wendengias, Windinga waren frühe Bezeichnungen für das Örtchen Winningen in der deutschen Rheinland-Pfalz, Landkreis Mayen-Koblenz. Es ist ein 2500-Seelchen-Dorf im Moselgebiet mit 44 Weinbaubetrieben und unter dieser Gegebenheit wuchs ein gewisser August auf. Es ist also davon auszugehen, dass in seinen ersten Lebensjahren kein Benzin durch seine Adern floss, um ihn später zu dem zu machen, was er für immer bleiben wird: Der Vater von Audi.

ahidotzEin Gutteil der Familie des am 12. Oktober 1868 (also vor exakt 150 Jahren) dort geborenen August Horch war ebenfalls Winzer, der andere Teil war Schmiede. Sein Vater, Carl Friedrich, gehörte zum anderen Teil, so lernte August bei ebendem und wurde Schmied. Nach zwei Jahren der väterlichen Lehre begab sich der 16-jährige Geselle auf die Walz, also auf Wanderschaft. Das war noch damals und seit dem Mittelalter üblich und führte den jungen August über Österreich, Tschechien und Ungarn bis nach Serbien. Er war 4 Jahre später und nach einer Laufleistung von mehr als 4000 km wieder retour und bewarb sich unmittelbar nach seiner Heimkehr für ein Maschinenbau-Studium in Mittweida in der Nähe von Chemnitz, das er drei Jahre später erfolgreich beendete.

Nach einigen beruflichen Zwischenstationen wurde August 1896 Betriebsleiter des Motorwagenbaues bei „Benz & Co. Rheinische Gasmotorenfabrik“ in Mannheim und war dort für das erste serienmäßig gebaute Auto der Geschichte verantwortlich: den Velo.

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Der Velo (Foto © Daimler)

Ein Jahr darauf ehelichte August im Oktober Anneliese Schmeltz, über welche nur sehr wenig überliefert ist, außer, dass die latente Abwesenheit ihres Mannes sie tragödiert haben soll, was sie nach und nach in Agonie und Depression verfallen ließ.

Die Beschäftigung bei Carl Benz war nicht von langer Dauer, denn August wollte stärkere Motoren und Autos konstruieren und Carl sah den Grund nicht. „Ich war unter allen Umständen bestrebt, nur starke und gute Wagen zu bauen“, meinte August später dazu.

Man benötigt zwei Portraits von August Horch, um 4 Ringe zu erhalten. (Fotos ©  Deutsches Historisches Museum, Berlin)

Er sah nun die Zeit gekommen, sich selbstständig zu machen und 1899 war es soweit: August gründete das Unternehmen „Reparaturwerkstatt für Motorfahrzeuge und Maschinen aller Art August Horch & Cie.“, Köln-Ehrenfeld, Venloer Straße 295. Ein Jahr später stand der erste eigene Wagen auf der Straße – der Phaeton!

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Der allerdings verkaufte sich im ersten Halbjahr 1901 genau 6 mal: Technisch genial, aber zu teuer….. Beinahe pleite findet Horch jedoch Unterstützung aus Sachsen, wohin er 1902 übersiedelt. In der Oberen Dunkelgasse in Reichenbach wurde nun mit 75 Mitarbeitern an neuen Horchs geschraubt – und das Geschäft begann mit 50 ausgelieferten Autos im Jahr darauf zu brummen. In diesem Jahr liefen auch schon die ersten Vierzylinder, aber für eine Expansion des Werkes war sich Reichenbach zu klein.

Also zog der Tross ins nahe gelegene Zwickau und 1904 wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, mit August als Geschäftsführer. Auch in Zwickau lief der Laden gut und Horchs gewannen an Prestige und bei renommierten Autorennen güldene Preise, in derem Scheine das Unternehmen mitglänzte.

Das Glück währte jedoch nicht allzu lange, denn der 6-Zylinder von 1905 war scheinbar eine Gurke, gewann genau gar nichts und die Konkurrenz schien einen kleinen Schritt voraus zu sein. Das gefiel den Aktionären auf Dauer nicht und so wollte man August aus dem Vorstand nehmen und ihn zum einfachen Konstrukteur degradieren.

Das wiederum gefiel August nicht und er verließ das Unternehmen, das seinen Namen trug. Eine neue Firma wurde gegründet und zwar wiederum in Zwickau und wiederum mit dem Namen Horch, was wiederum Horch nicht gefiel, was zu einem Streit an den Namensrechten führte, den August verlor. Er brauchte also einen neuen Namen und wurde fündig, indem er (bzw. der Sohn seines Investors Paul Fikentscher) Horch ins Lateinische übersetzte und Audi dabei herauskam. Hätte Horch nur etwas anders geheißen, zB Storch, so würden wir Audi heute Ciconia nennen…..

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Der erste Audi: Typ A, 1910

August selbst nahm den neuen Namen recht persönlich und unterschrieb gern mit Audi-Horch. Mit Audi selbst ging es schon sehr bald steil bergauf, vor allem bei den Alpenrundfahrten, bei denen Audi von 1912-14 alle gewann. Der Audi 14/35 PS erhielt den Ehrentitel Alpensieger.

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August im Alpensieger als Alpensieger.

Und dann kam der Erste Weltkrieg. Die Produktionsstätten wurden auf Panzerwagen und Minenwerfer umjustiert. August konstruierte den A7, der mit dem aktuellen Modell nicht viel mehr gemeinsam hat außer vielleicht den großen Kofferraum und ein paar Sicherheits-Features. Dafür hatte er aber den effektiveren Stau-Assistenten und die Einparkhilfe war auch über besetzte Parkplätze erhaben.

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Audi A7 V „Wotan“  (Foto © Hermann Rex)

Mitten im Krieg wurde aus Audi eine Aktiengesellschaft, doch 1920 verließ August den Audi-Vorstand Richtung Aufsichtsrat, ging nach Berlin und verdingte sich dort als „Öffentlich angestellter und beeidigter Sachverständiger für Kraftfahrzeuge aller Art im Bereich der IHK zu Berlin“ und „Beeidigter Sachverständiger für das Kammer- und Landgericht Berlin“. Er war zudem in sehr vielen automobilen Unternehmungen ehrenamtlich tätig.

Audi selbst ging es zu diesem Zeitpunkt wirtschaftlich schon nicht mehr so rosig und auch August empfand den Drang nach Veränderung. Er hatte ja schon vor einigen Jahren in seinem Heimatdörfchen den abgelegenen Distelbergerhof gekauft und nun eine Vision, was man damit machen könnte: Hühnerfarm!

Er kaufte also ein Tschippel an Hennen und ein paar Gockel, beides im Sinne von tausendfach und begann mit der Produktion von Eiern. Weil Eier zwar rollen können, aber Technik einen Vorsprung bedeuten könnte im Transport, plante er, eine Seilbahn vom Hof aus über die Mosel laufen zu lassen, welche die Eier dorthin brächte, wo sie gebraucht hätten werden können. Dass die Destination seiner Bahn genau im Gebiet anderer Hühnerfarmen lag, hatte August übersehen gehabt und dass die Hälfte seiner Hühner unfruchtbar war, auch.

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Der Distelbergerhof (Foto © unbek.)

Also unternahm er einen zweiten Anlauf ganz in der Tradition seines Dorfes und versuchte sich im Weinbau. Aber auch diese Unternehmung wurde kein berauschender Erfolg. Entweder konnte er der Konkurrenz im eigenen Ort nichts entgegensetzen, oder aber er produzierte Korkessig im Sinne eines alkoholischen Irrtums.

August musste schließlich den Hof verkaufen und seine finanzielle Situation war ab da nicht mehr barrierefrei. Denn er war verschuldet, seine Frau war zum Pflegefall geworden, das Wohnhaus in Berlin schon verkauft. Er engagierte eine ehemalige Opernsängerin, um seine Frau pflegen zu lassen: Else Kolmar.

1931 wurden die sächsischen Hersteller Audi, DKW, Wanderer und Horch zur Auto Union AG zusammengeschlossen. August wurde vom Vorstand in den Aufsichtsrat gewählt und konnte so nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner im Pflegeheim darbenden Frau finanziell bewältigen.

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Bernd Rosemeyer vor dem Horch 835 Coupé von 1937
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Auto Union 1937: Der Rekordwagen mit 560 PS lief ca. 400 km/h. Pilot: Bernd Rosemeyer (Fotos © Audi AG)

Als der nächste Weltkrieg anhob und jegliche industrielle Substanz im innovativen Deutschland dem Kriegswesen unterworfen worden war, hatte August 1937 seine Autobiografie „Ich baute Autos“ bereits veröffentlicht gehabt.

In der nationalsozialistischen Heroisierung des echten, deutschen Erfindergeistes kamen nicht nur Komponisten, Schriftsteller o.ä. zum Handkuss, sondern auch August, dem ´39 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Zwickau verliehen wurde. Von diesem Zusammenhang und wohl auch aufgrund Augusts medial vielbeachteten 70. Geburtstages 1943 wurde die Halbjüdin Else Kolmar, mit der August mittlerweile eine Liaison begonnen hatte, vor einem ungnädigen Schicksal bewahrt.

August Horch
Else & August

1941 flohen die beiden vor den Bombardements über Berlin in die sächsische Provinz, zuerst nach Langhessen nördlich von Zwickau, 1945 dann nach Helmbrechts nahe der tschechischen Grenze und danach wenige Kilometer weiter nach Münchsberg. Dort soll August der Kragen geplatzt sein, als man ihm nach Kriegsende vorwarf, an der Organisation von Zwangsarbeitern in den Auto Union-Werken beteiligt gewesen zu sein, weshalb ihm die Ehrenbürgerschaft Zwickaus entzogen werden sollte. Dies scheiterte zwar am Veto der bürgerlichen Parteien, trotzdem soll August gesagt haben: „Es gibt kein Sprichwort, das wahrer ist als ‘Undank ist der Welten Lohn‘“.

Nach Kriegsende musste August noch die Besetzung Zwickaus durch die Russen erdulden. Sie lösten die Auto Union auf, legten die Produktionsstätten still und nahmen mit, was sie finden konnten (zB die wertvollen Silberpfeile….).

Augusts letzte Lebensjahre waren aber dennoch von milder Wohltat umschmeichelt durch allerhand Ehrungen, die ihm widerfuhren. 1948 zum Beispiel wurde er das 7. Ehrenmitglied des ADAC und im selben Jahr ließ er sich, zwei Jahre nach Annelieses Tode, mit seiner Else vermählen. Zur größten Freude gereichte August wohl auch, dass ihm sein geliebtes Winningen 1949 die Ehrenbürgerschaft verlieh.

Was August im selben Jahr noch erleben durfte, war die Neugründung der Auto Union GmbH, aus welcher die heutige Audi AG hervorgehen sollte, in Ingolstadt, während sich zwischen ebendort und Münchsberg der Eiserne Vorhang schloss.

Im Januar 1951 ereilte August ein plötzlicher Leistungsabfall im Antriebsbereich und bereits am 3. Februar verstarb der 82-Jährige mit den Worten: „Ich will leben. Sind denn die Ärzte auch tüchtig?“…..

August Horch, 1943:


 

Text © Peter Philipp 2018