„Welchen Tag haben wir?“, fragte Pooh. „Es ist heute.“, quiekte Ferkel. „Mein Lieblingstag!“, sagte Pooh.

Der neue Audi A6 Avant ist da und heute ist Lieblingstag. Noch steht der Wagen bei der VOWA, aber Martin wird ihn uns in zwei Stunden übergeben.

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Einparken vor der VOWA und gemessenen Schrittes zu Audi gehen, nicht zu schnell, damit man uns die ungeduldige Vorfreude nicht ansieht, aber auch nicht langsam im Sinne einer Zögerlichkeit, die eine Berührungsangst zum Ausdruck bringen könnte… Nein, ein beschwingter Gang und ein Lächeln, das sophisticated rüberkommen will, sollte Martin aller Sorgen entledigen. Er erwartet uns schon.

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Als wäre er aus dunkelgrauem Stein einem Gebirge entfallen und über mehrere tausend Jahre von Wind und Wasser in die beste Form geschliffen worden sein, dem seine Verursacher keinen Widerstand mehr abverlangen können und die dem Auge aus jedweder Perspektive wohlgesonnen ist, steht der A6 vor uns.

Was den Luftwiderstand anbelangt, geriet ja einst der Audi 100 C3 mit einem cw-Wert von 0,30 zu einer aerodynamischen Ikone. Der neue Audi A6 hält bei 0,24 und wird intern als C8 bezeichnet. Er bildet die 8. Generation der Audi 100-Dynastie, die vor genau 50 Jahren erstmals davonrollte und maßgeblich für den Erfolg von Audi verantwortlich war und ist. 1994 wurde von 100 auf A6 umgetauft.

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Der neue A6 wirkt gespannt, kraftvoll und steht da wie einer, dem das Testosteron aus den Rückspiegeln tropft. Es ist davon auszugehen, dass mehrheitlich Männer dieses Auto kaufen werden aufgrund seiner maskulinen Attitüde, während sich Frauen im Drinnen an einem Wohnzimmer laben, das daheim zwar größer-, aber nicht so stylisch ist.

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Der 6-Zylinder-Turbodiesel ist ein lieber Bekannter aus dem A8, dem A5 oder dem Q8. Drehmomentstark und kultiviert leistet er sich zwar nicht die 286 PS der Vorgenannten, hat mit seinen 231 PS aber immer noch genügend Prestige, um sich über das sonst noch herumfleuchende Kleinzeug zu erheben. Die Leistung erlebt sich also nicht brachial, sondern in friedvoller Güte im Wissen um ein starkes Wohlwollen von Seiten der Straße, die ihn als Allrader und Allradgelenkten trägt, als sei er eine Daune. Die Gelassenheit einer Feder findet sich auch im Fahrwerk: Über allen Bodenwellen herrscht Ruh´, von Schlaglöchern spürest du kaum einen Hauch.

Wie sehr die technischen Innovationen des Audi A8/Q8 zum A6 gelangten, ist bündig. Das Analoge der Armaturenwelt ist der Mediamorphose unterworfen gewichen, abgesehen von einer Handvoll Tasten und einen Drehregler. Viele der grundlegenden Informationen können über die Tasten und Rädchen des Lenkrades gesteuert werden.

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Das gesamte Layout des A6 wird vom klassischen Kombi-Gedanken getragen, womit er auf wohltuende Weise kein SUV ist. Kofferraum ist genug da, Bein- und Kopffreiheit auf den Rücksitzen auch, alles scheint gründlich durchdacht bis hin zu den beleuchteten Gurtschlössern.

Weil wir den A8 und den Q8 bereits gefahren waren, kennen wir uns aus: Die Allradlenkung reduziert den maximalen Lenkeinschlag auf etwa anderthalb Umdrehungen, das Auto ist so wendig wie die Weltanschauung eines Politikers und der hochintelligente Allradantrieb weiß, dass ein einfaches Doktorat nicht reicht, um ihn verstehen zu können.

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Und überhaupt trägt der Wagen die hohe Kunst deutschen Ingenieurwesens in sich, aber auch nach außen, indem perfekte Spaltmaße und die Güte der Materialien rein optisch höchste Anmutung veräußern. Bei bestimmten Plastikteilen sollte man aber nicht anklopfen, denn sie klingen nicht so hochwertig, wie sie erscheinen. Wäre dem so, würde das Auto in der Basisausstattung wahrscheinlich um ein Trumm mehr kosten.

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Während das Plastik echt ist, ist es auch das Leder, das Aluminium und auch die optionalen Hölzer wurden nicht auf einer Polyurethan-Plantage gefällt. Und obwohl der A6 über einen doppelflutigen Auspuff verfügt, ist das, was man als solchen visuell interpretieren würde, ein Design-Fake.

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Früher mal gab es ja Auto-Veredler, deren Aufgabe darin bestand, Schürzen, Spoiler, Felgen und Sportauspuffe auf fade Serienmodelle zu montieren. In der Zwischenzeit haben die Markendesigner dieses Thema höchstselbst übernommen und jetzt kann der Mann nicht mal noch mit einem Ofenrohr am Hintern dem Zeitgenossen klarmachen, dass die 90 PS seines Golfs keinen Spaß verstehen an der Ampel. Beim A6 müsste man schon mit der Laubsäge den Kunsttoff ausschneiden und dann das Endrohr platzieren.

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Aber das sind Kleinigkeiten im Hinblick auf die Summe der Eigenschaften des neuen A6. Denn auch das LED-Lichtsytem kann geordert werden (abgesehen auch vom Laserlicht) und es ist new-age, denn die Lichtshow ist stets beeindruckend wie konzertant.

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Auch die Einparkhilfe, die in verschiedenen Darstellungs-Modi das Auto und dessen Position inkl. Lenkeinschlag aus allen möglichen Perspektiven zusammenrechnet, ist im Grunde genauso genial wie das Navi, das mit google-maps arbeitet. Dagegen sehen die digitalen Darstellungen des Vormodelles aus wie die Bildschirmgrafik eines Atari ST von 1993.

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Apropos: Nicht besser darstellen kann man auf dem heutigen Stand der Technik den Nachtsicht-Assistenten. Der nämlich durchleuchtet die Umgebung anhand von Infrarot- und Wärmebildkameras auf den Bestand von Lebewesen, welche vor allem nächtens die Straßen queren wollten. Das Display zeigt sie an, schliefe man trotzdem, würde der Notbremsassistent bremsen und im schlimmsten Fall würden soviele Airbags auslösen, dass der Audi in die Lüfte steigen und das Subjekt überfliegen würde, wäre die Aktionszeit nicht so kurz. In jedem Fall würde der Audi den Vorfall selbstständig melden und Hilfe käme geschwind.

Und das ist es, was auch diesen A6 auszeichnet: Dieses elitäre Gefühl, sich in Sicherheit zu wähnen in jedem noch so ungünstigen Fall. Er sorgt vor und nach. Und im Übrigen trägt er auch Sorge in akustischen Belangen: Der A6 ist still.

Stille sollte ja so wie die Dunkelheit oder der freie Blick in den Himmel als Kulturgut der Menschheit gelten. Der A6 verwaltet sie verantwortungsvoll und man wird dessen gewahr, nachdem man die Türen nicht zugeworfen, sondern sie hatte zuziehen lassen. Leise auch ist der Motor und Ruhe herrscht im Wagen stets vor, wenn man nicht die Bang & Olufsen-Anlage den Raum in höchster Brillianz beschallen lässt. Und es piepst auch kaum was, nein, das Layout des Autos ist ganz der Höflichkeit untergeordnet, die man von sich selbst erwartet.

PS: Den RS6 wird es auch noch geben und der wird wohl etwas lauter sein……

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Fotos & Text © Peter Philipp 2018