Wir schreiben das Jahr 1971. Jackie Stewart wird Formel 1-Champion, die Sendung mit der Maus wird erstmals ausgestrahlt, Jim Morrison macht die Tür zur Welt hinter sich zu, während sie sich für Xavier Naidoo aufschwingt. Irgendwo dazwischen veröffentlicht John Lennon seinen neuen Song „Imagine“ und ein gewisser Ray Tomlinson verschickt das weltweit erste e-mail.

Im selben Jahr erscheint ein junger Bursch namens Helmut Hiessl zu seinem ersten Arbeitstag in der VOWA mit dem festen Willen, Automechaniker zu werden. Eher eine Lehre zu machen anstatt sich durch ein Studium zu quälen hatte sich bereits früh abgezeichnet, denn schon als Kind hatte er eine größere Hetz beim Zerlegen von Gegenständen als in der Schule beim Zerlegen von Brüchen.

Der frühe Tod seines Vaters bestimmte das Schicksal zusätzlich mit Nachdruck, denn Verantwortung zu übernehmen und selbstständig zu werden prägten das Denken und Handeln Helmuts in dessen Jugendjahren.

Noch heute schwärmt Helmut von der Mechanikerlehre, indem er sagt, dass er dort wirklich alles gelernt hätte und versteht dabei das alles als wahrlich umfassende Ausbildung. Dieses alles würde ihn später dafür qualifiziert haben für das, was er noch heute ist: Ein Typ für alle Fälle, ein Allrounder, ein Alleskönner. Oder schlicht: der Haustechniker der VOWA.

Mit der Frage, was der Haustechniker der VOWA denn so tue, ist ein Fass von einer ungeahnten Dimension aufgetan. Denn natürlich lautet die Antwort alles, aber der Umfang bedarf noch einer dem Verständnis helfenden Festlegung. Dazu später mehr……

Helmut macht seine Lehre und der erste von den vier Geschäftsführern, unter welchen er arbeiten wird, ist der Herr Dr. Klocker, einer der beiden Gründer der VOWA. Die Modellpalette bei VW ist noch ausschließlich luftgekühlt (bis auf den K70) und besteht vorrangig aus Käfern, die anno 71 ca. 40.000 Schilling/Stück kosten. Helmut sieht diese Summe aus der Perspektive eines Lehrlings mit einem Monatsgehalt von 550 öS und stellt sich manchmal die Frage, ob er sich überhaupt jemals ein Auto leisten können würde.

Nach der Lehre macht Helli schnurstraks den Grundwehrdienst (damit es erledigt ist) und ehelicht mit holden 19 Jahren die Liebe seines Lebens. Aus dieser noch stets erfüllten Beziehung gehen eine Tochter und ein Sohn hervor, welche nun schon erwachsen sind und in gemeinschaftlicher Überzeugung, dem Vorbild der Eltern nacheifernd, keine anderen Autos fahren als Škoda Oktavias.

In den Achzigern ist die Familie jung und braucht Geld. Helmut schraubt wochentags in der Werkstatt und versieht am Wochenende den Notdienst (ein Pannendienst der VOWA damals), den Winterdienst am Traktor mit Schneepflug und auch den Wachdienst, der heutzutage von Security-Unternehmen gemacht wird. Er ist fleißig und verdient sich an Lob, Ehre und Geld so viel es geht. Man spart auf dies und das, was man benötigt oder wovon man träumt.

In einem fünfjährigen Intermezzo wechselt Helmut in den Kundendienst, wird danach aber der Assistent des Haustechnikers. Als dieser begreift, eigentlich schon in Pension zu sein und sich im Moment dorthin empfiehlt, übernimmt Helmut dessen Posten und behält ihn inne bis zum heutigen Tage.

Heute sagt Helmut ja, dass er nicht mehr für alles zuständig sein kann, weil es aus rechtlicher Sicht gar nicht mehr möglich sei. Früher hatte er alles machen können deshalb, weil er es erstens konnte und es ihm zweitens niemand untersagte. Heute läuft das anders, aber es bleibt noch mehr als genug übrig dafür, keinen Alltag zu haben im Sinne von träger Eintönigkeit. Das Spektrum reicht von der zu wechselnden, flackernden Neonröhre über das Ausprüfen der Werkzeuge bis hin zum zernudelten Gewinde, das nachgeschnitten werden soll. Dass Helmut ein großes Problem hat, Dinge, die man vielleicht noch brauchen könnte, wegzuwerfen, hat ihm den Spitznamen „Trödler Abraham“ eingebracht. Tatsächlich greift er regelmäßig auf diesen Fundus zurück und seine Sparsamkeit offenbart sich als wertvolle Tugend.

Auch im Privaten kann im Laufe der Jahre das Ersparte in Erlebniswerte transformiert werden, indem Helmut und seine Familie die Welt erkunden und zwar in allen Varianten von Transportmitteln. Als die Sitzreihen in den Flugzeugen immer näher zusammenrückten, sodass der großgewachsene Helmut bei mehrstündigen Flügen in anatomische Dilemmata kam, wurde immer häufiger im Segelboot oder im Wohnmobil der Weg zum Ziel. Dieser Lebensart huldigte Helmut auch mit einer weinroten Honda Goldwing, die ihn und seine Frau tausende Kilometer weit durch den Wind trug.

Ein sehr strenger Wind kam Helmut für einige, sehr schmerzvolle Jahre auf gesundheitlicher Ebene entgegen und viele längere und kürzere Krankenstände resultierten daraus. Dass die VOWA in dieser Zeit ihrerseits Loyalität bewies und Helmut mit durch das Jammertal begleitete, sieht er noch heute mit großer Dankbarkeit. Die Treue ist jedoch von innigster Gegenseitigkeit, denn Helmut ist der dienstälteste Mitarbeiter der VOWA.

Nach den beinahe 50 Jahren im Unternehmen ist Helmut eine Institution, denn keine und keiner seiner Kolleginnen und Kollegen kennt die VOWA ohne ihn (ähnliche Fälle sind Martin oder Peter). Und niemand kennt die VOWA so in- und auswendig wie der ehrwürdige Herr Abraham.

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Fotos & Text © Peter Philipp 2019