Was ist ärgerlicher als ein Nachbar mit einem alten, lauten Auto? Richtig: Ein Nachbar mit einem neuen, leisen. Dieser Nachbar sind nun wir, zum Glück, aber wir kommen nicht leise daher wie mit einem A8 zum Beispiel, sondern lautlos. Höchstens ein paar geplagte Kieselsteine in der Einfahrt geben Kunde darüber, dass hier gerade ein 2,6-Tonner eingeparkt wurde.

Die schweren Türen schwingen weit auf und werden – ebenfalls ohne Ton – von dienstbaren E-Helferlein wieder zugezogen. Auch die Heckklappe verfügt sich klangenthoben nach oben und wieder nach unten und der Wagen verriegelt sich mit 0,2 Dezibel.

All das hat auch der Herr Nachbar nicht gehört, der vor seinem Haus am Bankerl hockt. Aber gesehen und fühlt sich veranlasst, mit freundlicher Miene anzumerken, dass ein Auto schon einen Sound haben müsse, weil sonst etwas fehle. Ich frage zurück, ob ihm auch der Gestank eines Diesels fehle (er ist pensionierter LKW-Fahrer) und eine nette Konversation führt dahin, dass ich ihn in den nagelneuen Audi e-tron setze und mit ihm eine Runde drehen will….

Er, dessen letzter Autokauf dreißig Jahre her ist und seither in einem mittlerweile matt-roten Golf herumfährt, lässt sich in das dicke Ledergestühl des Audi fallen. „Aha“, sagt er, nachdem er sich auf dem Sitz zurechtgerutscht hat, und: „Schick!“.

Zündung, Bildschirme an, kein Laut. Rückwärtsgang, wir rollen an und parken per Kamera aus. „Na geh!“, meint er im Falsett. In mildem Tempo strömen wir fort und gleiten dahin so still wie eine leichte sommerliche Brise. „Und, hörst was?“, frag ich ihn. „Ja eh, es pfeift a bisserl“. Ja, tatsächlich orgelt der e-tron die akustischen Register clusterweise nach oben beim Beschleunigen, vergleichbar mit einer Taurus-Lok der ÖBB beim Anfahren, nur flotter und vor allem: leise. „Ist doch ein Sound, nicht?“. „Eh.“

„Klingt wia im Raumschiff“, sagt er nach einer Zeit. Ich dagegen spreche von einem Quantensprung in der Kultur der Fortbewegung, dass der Weg zu allem Großen durch die Stille führe und davon, dass der Schüttelhuber, wie Felix Wankel, Erfinder des Rotationskolbenmotors, den Ottomotor verächtlich nannte, nun endlich ausgedient habe. Und überhaupt die Geschichte des Automobiles stets mit dem Elektromotor eng verknüpft war, denn der von 1899 hinweg gebaute Lohner-Porsche war nicht nur ein rein elektrisch betriebenes Auto, sondern auch ein Allrader, da er Radnabenmotoren besaß. Später gab es ihn auch als Hybrid…..

Der Lohner-Porsche mit Allrad 1902

Und übrigens war es nun gerade, im Frühjahr 2019, da die japanische Firma Nidec den Prototypen eines 135 PS starken Radnabenmotors vorstellte. Das Problem dieser Technologie war immer das hohe Gewicht, doch der Nidec-RNM wiegt nur mehr 32 kg. Der Motor wird demnächst in Serie gehen und die Designer werden aufgrund der neu entstandenen Platzverhältnisse nur mehr E-Autos entwerfen wollen….

„Und was leistet der da?“, fragt der Nachbar. „Vorderachse 125 kW, Hinterachse 140 kW, bei Boost um 10-25 kW jeweils mehr, also maximal 408 PS.“ „…………..Boost?“

Die Gerade vor uns ist 2 km lang und wir stehen in völligster Stille an deren Anfang. „Bereit?“. „Eh“. Fahrpedal auf Anschlag, der elektronische Allrad krallt sich in den Asphalt und der Nachbar verschwindet in der Sitzpolsterung. Fünfkommafünf Sekunden später fahren wir geräuscharme Hundert und der Nachbar sagt nicht viel lauter: „Jessas!“. „Arg, gelle?“. Dass das Auto immer noch so leise ist, hat damit zu tun, erkläre ich, dass Audi die Hauptthemen der Achsgetriebe gemeistert hat: Hoher Wirkungsgrad und Leistungsdichte, geringes Gewicht und vor allem: gute Akustik. „Naa, da sollt ma keine Bohnen gessen haben“, sagt er.

Die beiden E-Motoren des e-tron (Bild © Audi AG)

„Und weisst du, was das Beste ist?“, sage ich in Hinblick auf des Nachbars Trucker-Vergangenheit. „Er hat sowas wie eine Motorstaubremse!!“. „Wir sind die a no gefahren, später aber Wirbelstrom. Zeig her!“ „Früher hat man damit Gänge geschaltet, nun jedoch sind die Schaltwippen am Lenkrad zum Rekuperieren da.“ „Zum was?“ „Zum Rückführen von Bremsenergie in den Akku, wie bei deiner Wirbelstrombremse. Schau, du drückst hier die linke Wippe und die E-Motoren bremsen. Wenn du das gut drauf hast, brauchst du das Fußbremspedal nur noch ganz selten. Die rechte Wippe hebt die linke auf…!“. „Des hats vor hundert Jahr aber a schon geben…..“. „Eh.“

Der Nachbar sitzt, um eine Erfahrung reicher, wieder auf dem Bankl, der e-tron steht vor uns und sieht dabei überhaupt nicht aus wie ein Elektroauto. Von der Größe her müsste er eigentlich ein Q6 sein, aber der Q6 wird das hochgestellte Coupé des Q5 mit Verbrenner. Der e-tron ist dagegen der Häuptling der reinen Elektro-Lehre und Erster der 2020 bzw. 2022 nachfolgenden e-tron sportback und crossover.

Der e-tron ist ein wahrhaftiger, purer Audi mit viel Platz, viel Luxus und nun eben mit jener unvergleichlichen Fahrkultur des Elektroantriebes. Die Erhabenheit der relativen Stille kann mit leisem Musikhören aus der B&O-Anlage gekrönt werden, wenn man nächtens durch die schlafende Gasse heimrollt und nicht einmal des Nachbars hysterischer Köter das mitbekommt.

Am Tage dagegen erntet man viele Blicke, denn, um mit Peter Cervenka zu sprechen (Univ.-Prof. a.D. Dr., Fachbereich Verkehrssystemplanung an der TU Wien): „Stille ist heute als Loch im Lärmteppich definierbar“.

Text & Fotos © Peter Philipp 2019