Seinem Opa ein Denkmal setzen zu wollen ist ein ehrenwertes Vorhaben, vor allem dann, wenn er Ferdinand Porsche heisst. Ernst Piëch hatte schon eine Reihe von Opas Konstruktionen, der vor 1920 für das damals in Wiener Neustadt ansässige Austro-Daimler-Werk arbeitete, wiederauferstehen lassen. Er beließ es dabei nicht nur bei Automobilen, wie die Hansa-Brandenburg C1 beweist.

Der Flieger war bis auf den Motor ein Neubau, der Alpenwagen jedoch wird die aufwändigste Restauration seit dem Gesicht von Dolly Buster werden.

Menschen, die aus einem Überbleibsel ein perfektes Auto machen können, sind äußerst rar, doch gibt es sie, sogar in Österreich. Christian Nell gehört zu diesen ganz Wenigen.

Chris ist ein wilder Hund. Er hatte mit der Wiedergeburt der Donnerbüchse für Aufsehen in der Oldtimer-Szene gesorgt, war aber schon vorher als genialer Restaurator höchst angesehen. Sein Werkstättenkomplex in einem kleinen Örtchen nahe Steyr quillt stets über mit unglaublich kostbaren Exponaten illustrer Fahrzeugkultur.

Mit einem kleinen Team restauriert er seltene Autos entweder für die Konzerne selbst, oder für Privatiers. Ernst Piëch hatte von der Donnerbüchse Wind bekommen und kam auf Chris entschlossen zu, worauf dieser seinen halben Terminkalender schwärzte und sein Berufsleben neu ordnete. Denn es gab eine Deadline und es blieb genau ein Jahr Zeit, um den Alpenwagen fahrfertig beim Gaisbergrennen im Mai ´19 zu präsentieren. Ernst Piëch ist 90 und alles andere als ein spätreifer Pensionist, sondern quickfidel und hat noch Einiges vor und die Zeit im Auge.

Die Renovierung des Motors/Getriebes wird zu Josef Hattinger nach Mattighofen ausgelagert (auch ein wilder Hund), damit Chris nicht unter Schnappatmung arbeiten muss. Eine über 100 Jahre alte Maschine zu reanimieren kann funktionieren, muss aber nicht und Josef wird das Werkerl jedenfalls komplett zerlegen und neu aufbauen.


An einem Bilderbuch-Spätsommertag im September 2018 findet ein informelles Treffen mit Ernst Piëch in Mattsee statt. Danach lustwandeln wir noch durch die heiligen Hallen des Fahr(t)raumes – Chris und Josef fachgesimpeln auf eine Art, die einem selbst verdeutlicht, nichts zu wissen (oder sind Zischhähne euch ebenfalls nicht geläufig?).


Es geht also sofort los und Schlag auf Schlag. Zwar besteht ein so altes Vehikel bei Weitem nicht aus so vielen Einzelteilen wie ein neues, dennoch bleibt genug zu tun. Vor allem in der optischen wiewohl qualitativen Ausführung sind die Teile sonder Wahl, denn es gab damals noch kein wirkliches Industriedesign oder „form follows function“-Entsprechungen. Das Automobil war damals eine elitäre Erscheinung und für Wenige leistbar, danach richtete sich auch die Wertigkeit des Gebotenen. Dafür waren Pferde extrem günstig und so wandeln sich Werte……..

Man muss also weder Autofreak, noch Techniker sein, um der formalen Ästhetik der Einzelteile etwas abgewinnen zu können. Einige von den Stücken könnten in der Handwerkskunst große allgemeine Achtung erringen, wären sie nicht für immer und unsichtbar im Automobil verbaut.

Der heilige Rahmen.

Der ganze Wagen wird vom Rahmen getragen, bis die Räder drauf sind, die den Rahmen tragen. Auf ihm wird alles montiert, was da ist, entsprechend stabil ist er ausgelegt und deshalb auch nicht mehr kutschenhaft aus Holz, sondern aus Stahl. Es handelt sich um einen Leiterrahmen, der noch heute bei Geländewägen zum Einsatz kommt. Auf den Bildern zu sehen ist die Montage der Achsen sowie der Lenkung.

Einen Stock höher wird genäht, geschnitten, gedehnt, gestückelt, gezerrt. Sattler Stefan sticht stets stellenweise stehende Stahlnadeln ins schmucke Gestühl, um das Leder zu fixieren. Die Arbeit ist nicht allein zeit-, sondern auch recht kraftaufwändig und erwartet sich viel an profunder Erfahrung des Handwerkskünstlers. Die Pfeifenstruktur der Rücksitze erinnert noch an vornehme Kutschen, welche anno 1911 zuhauf unterwegs waren und deren Ablöse durch das Automobil zu jenen Zeiten umstritten war. So sagte Gottlieb Daimler einst: „Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren.

Die Sitze werden später in den Fahrgastraum montiert werden, der aus einem kunstvoll gebogenen und mit Aluminium ummantelten Holzgerüst besteht. Der Holzbau wird bei CraftLab in Pitten bei Wr. Neustadt gerfertigt. Koloman Mayerhofer baut dort mit einem kleinen Team eigentlich historische Flugzeuge (wie eben die Hansa-Brandenburg C1). Nebenbei versorgt er aber auch kränkelnde Autos mit ligniner Liebe.

Wie alle anderen Teile auch bekommt er seine Farbe in Chris´ hauseigener Lackiererei.


Josef bringt den Motor vorbei, damit er eingepasst werden kann. So manches Teil wird ja nicht nur einmal montiert, sondern mehrmals. Aber wenn das Konstrukt auf eigenen Rädern steht und mit dem Motor, der Lenkung und dem Tank versehen ist, sieht er schon ein wenig aus wie ein Auto, wodurch dieser Zustand psychohygienisch besonders wertvoll wirksam wird.

Allerdings drängt die Zeit. Denn nicht alles funktioniert auf Anhieb und blöde Teile stellen sich quer. Jedoch haben die werkelnden Herrn eine Menge Erfahrung, sodass sie nicht unter Panik ein Akihi erleiden (hawaiianisch für: „eine Wegbeschreibung hören, loslaufen und dabei die Beschreibung vergessen“).

Ob sie es allerdings schaffen werden, Herrn Piëch ein perfekt laufendes Auto zum Gaisbergrennen ins Schloss Mirabell zu bringen, ist zu keinem Zeitpunkt gesichert.

Der geübte Österreicher würde an dieser Stelle sagen: „Schau ma mal….„.


Text & Fotos © Peter Philipp 2019