Behutsam und elektrisch lautlos rollt der Prototyp des Austro Daimler Bergmeister 630 ADR Shooting Grand aus dem Anhänger. Der Passanten Kinnladen folgen der Schwerkraft Richtung Erdkern und Handies verarbeiten die menschlich überfordernde Fülle an Information digital. Schnell bildet sich eine Menschenmenge, die den Besitzer, der ebenfalls schnell an seinem Austro Daimler-Hemd identifiziert wird, mit Fragen flutet.

Die Frage nach der Automarke hinterlässt ratlose Gesichter und erfordert historische Nachhilfe. Die jungen Burschen erkundigen sich nach Leistung und V-max und manche suchen hilflos Vergleichbares im Design.

Roland Stagl erklärt: „Shooting Grand ist (so wie Austro Daimler selbst) eine eingetragene Marke und dabei eine Kombination aus Gran Tourismo und Shooting Brake (beides stilistische Elemente im Cardesign). Unter der Motorhaube sitzen ein 3-Liter-Sechszylinder von AMG-Mercedes und ein Elektromotor, der in Kontakt steht mit zwei weiteren Elektromotoren an den Hinterrädern. Der 630 ist damit ein Allrader und da die voluminöse Batterie direkt hinter den Sitzen platziert ist wie bei einem Sportwagen mit Mittelmotor eben der Motor, ist eine sehr ausgewogene Gewichtsverteilung gewährleistet“.

Grafik © Projekt Austro Daimler

Und weiter: „Das PlugIn-System trägt die Bezeichnung SERIPA Performance Hybrid und zeichnet sich durch die Verschmelzung serieller und paralleler Hybridtechnologie aus. Diese Kombination ermöglicht eine hohe Verbrauchseffizienz und – in Bezug auf die Gesamtleistung – einen niedrigen Schadstoffausstoß.“

Nicht jeder der Umstehenden hat nun vollinhaltlich verstanden, weshalb Roland mit nackten Zahlen weiterhilft: „Der Elektroantrieb leistet 600 kW, das sind rund 800 PS, die restlichen 400 PS generiert der Verbrenner. Die insgesamt 1198 PS sorgen für ein Drehmoment von 1600 Nm. Der Sprint von 0-100 km/h ist nach 2,5 Sekunden erledigt, die Spitze liegt bei ca. 330 km/h.“ Die Kinnladen fallen auf Nabelhöhe.


Das Auto besteht mit einem Spaceframe überwiegend aus Aluminium, manche Teile wie zB die vorne angeschlagene, riesige Motorhaube ist aus Kohlefaser gefertigt. Damit ist der Bergmeister nur 1650 kg schwer, was sich natürlich positiv auf Verbrauch, Fahrleistungen und Reichweite auswirkt.

Diese ist übrigens mit 1000 km angegeben, die rein elektrische Reichweite mit 250 km und wer fleissig rekuperiert, wie wir hier gelernt hatten, wird womöglich noch weiter kommen.

Witzig ist, dass wenn man die Werte der Leistung, des Drehmomentes und der Reichweite addiert, die Zahl 3798 herauskommt. In Metern ist das die exakte Höhe des Großglockners, des österreichischen Meisters aller Berge.

Würde man den Bergmeister neben einen neuen Lamborghini oder Ferrari stellen, so würde man sagen müssen, dass das Design des Austro Daimler nachgerade zurückhaltend ist. Wir zitieren aus der Homepage, die hier kluge Worte findet:

„Allgemein wird gutes Design gerne mit dem Schlagwort „zeitlos“ betitelt. Dieser Begriff ist allerdings irreführend. Design ist immer durch seine Entstehungszeit, durch die zur Verfügung stehenden Technologien, die möglichen Verfahrenstechniken und nicht zuletzt natürlich durch den Zeitgeist geprägt. Besser wäre die Definition, dass gutes Design seine Zeit übersteht und nicht nur den Trends seiner Zeit folgt. Somit schafft gutes Design Ikonen, die weiterentwickelt werden können, ohne ihren Charakter zu verlieren.“

Auf dem Bild oben erkennt man links des Vorderrades unten zB die Sidepipe, also den Auspuff. Diese Position ermöglicht eine effiziente Wirkung des Heckdiffusors. Und überhaupt beginnt man, steht man vor dem Auto in 3D, an ihm in seiner Schlichtheit Details zu erkennen, die tragfähig genug sind, um ihnen eine Art der formalen Liebe zu gestehen.

Setzt man sich der Betrachtung des Wagens für längere Zeit aus, wird im Nachhinein auffällig, wie sehr das Design im Gedächtnis bleibt. Das gilt auch für den ebenso schlicht gehaltenen Innenraum, der größtenteils mit italienischem Möbelleder tapeziert ist.

Erstaunlich dabei ist, dass man, nachdem sich die Flügeltüren über einem geschlossen haben, erstaunlich viel Platz hat und selbst mit einer Körpergröße von 1,85 m Luft in alle Richtungen bleibt. Auch gibt es einen Kofferraum, der sich als große, tiefe Mulde hinter der 55 kWh-Lithium-Ionen-Batterie (die übrigens mit 150 kW rambazamba-geladen werden kann) für einen Wochenendausflug empfiehlt.


Der Bergmeister ist im jetzigen Zustand fast fertig. Das Feintuning der Antriebskomponenten befindet sich im Status der Optimierung, auch das wissen die mittlerweile kinnlosen Passanten jetzt, die sich für ihren Status des Passierens extrem viel Zeit lassen, um danach ihrer eigentlichen Wege zu gehen.

In Natura steht hier nämlich schon ein ziemlich impressiv dimensioniertes Stück Design, an dem es unmöglich ist, einfach vorbeizugehen.

Der Schriftzug, das Logo: Das Auto heisst ja Austro Daimler und nachdem es die Marke schon mal gegeben hatte, muss ja irgendjemand die Markenrechte innehaben, nicht? Alles gehört immer wem: Wie teuer waren die Rechte an der Markenbezeichnung eigentlich, Roland?

Roland verfällt kurz in sein gewitztes Lachen und suggeriert damit, dass es eine Odysee gewesen sein könnte. Und ja, es war eine Irrfahrt und zwar diese: kleine Nadel/großer Heuhaufen!

Bereits 2002 war es zur zentralen Frage geworden, wo die Markenrechte denn überhaupt lägen und Rolands Umfeld in der Sektion Austro Daimler vertrat die Ansicht, dass die Rechte mittlerweile bei Magna Steyr liegen sollten und hatten ihm keine guten Chancen eingeräumt im Sinne von vergiss es, Alter!

Der über viele Freundschaften gut vernetzte Roland kontaktierte also zu allererst Magna, denn seit der Fusion von Steyr-Daimler-Puch dachte er, dass die Wahrscheinlichkeit des Findens dort am Höchsten wäre. Ein Freund veranlasste das Archiv zur Nachforschung und siehe: Nein!

Interessant! Magna hält die Markenrechte für Steyr Automobile, die Rechte für Steyr Traktoren dagegen hat der Landmaschinenkonzern Case, Puch gehört dem Fahrradhändler Faber. Austro Daimler? Nö.

Roland frug beim Patentamt nach. Die Antwort: Die Markenrechte lägen bei Daimler Stuttgart (also Mercedes), allerdings aber nur für Replikas und Modellautos. Für wirkliche Autos nicht mehr, denn wenn Daimler Stuttgart kein neues Modell unter dem Namen Austro Daimler baut, verfallen die Rechte am Namen binnen 5 Jahren.

In aller Vernunft wurde Roland dazu geraten, sich ob dieser Tatsache nicht mit Daimler anzulegen, denn do host ka Schons. Theoretisch allerdings wäre es möglich, sich die Rechte einfach zu krallen, dennoch blieben die Bedenken aufrecht bezüglich der Wortkombination mit Daimler.

Roland hat einen coolen Typen an seiner Seite, der für das Marketing verantwortlich zeichnet: Michael Klinger. Als Roland meinte, dass man doch versuchen könnte, die Marke einfach beim Patentamt unverdächtig auf dessen Namen zu registrieren, tat er es allsogleich – ohne ein Problem. Die dreimonatige Einspruchsfrist verstrich ebenfalls ohne Widerrede.

Dennoch war Unsicherheit gegeben, denn Roland wollte sich keine Feinde machen in dieser Causa. Das Auto zielte außerdem Richtung Salon Villa d’Este und er wollte die Situation vermeiden, dass ihm dort jemand vor Ort das Auto von der Ausstellung wegkonfisziert. Das Patentamt riet kompetent dazu, die ganze Sache einfach als ein Projekt zu bezeichnen, denn als Projekt wäre die ganze Unternehmung in Sicherheit. Gesagt, getan.

Um wirklich nichts mit Daimler anbrennen zu lassen, entsandte Roland eine genaue Beschreibung seines Vorhabens inkl. Hompage-Adresse an die oberste Ebene der Firma in Stuttgart. Innert vierer Tage war die Antwort da: „Lieber Herr Stagl, ich habe mir das angesehen und wünsche Ihnen viel Erfolg!“ Punkt.

Ein paar Tage später schepperte Rolands Telefon: Daimler Österreich war dran. „Herr Stagl, mein Chef hat mich kontaktiert – es fällt in mein Ressort – ich soll schauen, was Sie da machen. Was soll ich tun?!“

„Ja, keine Ahnung. Schauen Sie auf die Homepage oder kommen Sie nach Mattsee, wo das Auto grade steht. Könnten Sie umgekehrt was für mich tun, dass ich Teile günstiger bekomme?“. „Äh nein, leider nicht!“.……

Etwas später: „Herr Stagl, ich hab mir das alles angesehen und es sieht sehr professionell aus. Ich seh nicht, wo Sie uns schaden könnten – wie es aussieht, tun Sie uns eh nix. Schönen Tag noch!“.

Historisch gesehen spielte Daimler bei Austro Daimler genau genommen nie eine große Rolle. Weder hatte Daimler jemals eine Aktienmehrheit (im Gegenteil), noch war Daimler, außer für sehr, sehr kurze Zeit, konstruktiv an der Autoentwicklung beteiligt. Austro Daimler war in Wiener Neustadt schwerst monarchisch und stets autark.


Roland hatte nun die Markenrechte, und zwar für Autos, Flugzeuge, Boote, Bekleidung, eigentlich für alles (außer für Fahrräder – es gibt einen Typen in den USA, der die Namensrechte für AD Bikes innehat und lässige, hochwertige Karbonfahrräder baut).

Nachdem nun Wort- und Bildmarke eingetragen war, konnte die Wiederauferstehung Austro Daimlers öffentlich kommuniziert werden.

Fazit: Ihr könnt den Wagen ab jetzt bestellen, so Euer Konto einigermaßen belastbar ist und ihr zu den weltweit erlesenen 10 Eigentümern gehören möchtet. Der Bergmeister wird ab dem Erwerb nicht mehr im Preis fallen…

Unser Wunsch für Austro Daimler ist: Ein gesundes, langes Leben!

Chapeau, Roland!


Fotos & Text © Peter Philipp 2019