Eine Steigung ist für uns Tiroler so alltäglich wie das damit einhergehende Gefälle. Einzig im Tale gibt es so etwas wie die Einförmigkeit einer Ebene, auf Bundesstraßen oder auf der Autobahn. Schon dort empfinden wir das Autofahren als Teil einer Strömung, die uns kein tektonisches Hindernis mehr in den Weg legt, das mehr zu verursachen vermag als höchstens eine Biegung.

Wäre dem aber alleweil so und könnten wir zu unseren alpin gelegenen Ortschaften nicht mehr hinauf- oder hinunterfahren, fehlte uns etwas. Wobei eine reizvolle Bergstraße hochzujagen mehr kann, als sie hinunter zu fahren.

Entbehrt man aber beider Formen der dritten Dimension, so lebt man in der Ebene. Das Fahren dort spielt sich im Horizontalen ab, Höhepunkte sind Brücken, die sich leicht auf- und wieder abschwingen über den Flussläufen, die in die Adria münden.

Wir befinden uns im Delta des Po und das Land ist so flach wie das Meer, womit die Gegend hauptsächlich aus Himmel besteht. Genau am Schnittpunkt von Himmel, Wasser und dem Land, das die Menschen dem Wasser abgerungen haben, liegt Goro.

Letzteres ist ein kleines Fischerdorf mit einem recht großen Hafen und auf die Hafenstraße führt eine kleine Rampe hinauf.

Die Rampe: Weit und breit die einzige Steigung. Sie ist eine Einbahn und hat den praktischen Zweck, Fahrzeugen den Weg zu den Booten zu ermöglichen, die am Hafen ankern. Täglich werden sie von ihrer Fracht gelichtert: Fische aus der Hochsee und Muscheln aus der Lagune. Nur am siebten Tage wird in Goro geruht.

Hat die Rampe den ganzen Tag über ihren Zweck als Zubringer erfüllt, so wechselt sie gegen Abend die Rolle. Dann nämlich ist sie keine biedere Angestellte mehr, sondern Partyveranstalterin. In ihrem glamourösen Zusammenspiel mit einem Kreisverkehr entdeckt sich die Rampe als Laufsteg und damit sogar als unverzichtbare Bühne, indem sie Teil des Sunset Boulevard Goros ist, selbst wenn die Sonne viel zu weit rechts untergeht im Vergleich zu Miami Beach.

Das abendliche Treiben zu beobachten, hat, trotz der für Italien relativ nördlichen Lage, etwas uritalienisches. Denn auf einem Boulevard möchte man gesehen werden, in diesem Fall mit dem Fahrzeug. Nun erscheinen zwar keine Lamborghinis, Ferraris oder Maseratis, sondern Fiats, Piaggios, Lancias – aber das trübt den Glanz der Glorie nicht.

Der Wegverlauf für die Darbietungen bildet ein dem Dorfe weggeködertes Autodrom ähnlich einer Rundstrecke. Man fährt, vom blauen Kreisverkehr kommend, durch die „Hauptstraße“, vorbei an der Pizzeria Ferrari rechts und danach links an der Bar, von wo stets lautes Gelächter kommt. Noch beschleunigend lässt man den Mini-Market hinter sich und bremst kurz und hart ein vor der 90°-Links, Vollgas, wieder 90°-Links: Rampe, Vollgas. Oben angekommen geht es in einer S-Kurve wieder runter in einer Links-Rechts-Kombi Richtung Kreisverkehr.

Es ist Weltkino: Alles, was Räder hat, ist unterwegs: Benzinselige, dreiradkäsehoche Piaggiofahrer nehmen die rechten Winkel todesmutig, den Kippwinkel ihrer Vehikel auskostend. Bei überehrgeizigen Endrohrakustikern knattert es beim Gaswegnehmen und röhrt beim Nehmen der Rampe. Fiat-Multiplakranke entsenden sich hehr der Fliehkraft und deren Kinder wären auf den Rücksitzen ehemals aufgeschrocken. Heute aber lethargieren sie Handies.

Dazwischen die kartoffelchipgetunten, schaßaugerten Unos, deren Vergaser in der Steigung hyperventilieren, während ihre Subwoofer im Hafen tieffrequente Jovanotti-Wellen schlagen lassen.

Bei hubraumentliterten Dreizylinder-Puntos schnüffeln die Turbos Meeresluft und schaufeln dabei Salz in die Suppe auf der Rampe, dem beschaulichen Motodrom Goros. Fahrtechnisch gesehen herrscht ein gewisser Ehrgeiz, gepaart mit Routine hat sich niemand in die Mauer verewigt, sondern zentimetergenau durch das Nadelöhr navigiert.

Dann kommen laut die aus dem Puff schlotenden Mopeds im Zweier-Takt, polinipikant frisiert mördern die jugendlichen Rampensäue in Valentino-Rossi-Schräglagen um die Ecken.

Die Rampe bzw. die Strecke an sich ist eine auf die genetische Grundstruktur reduzierte Mischung aus der Rennstrecke von Monza und dem Stilfser Joch.

Und während sich allabends die Mopedbruderschaft am Hafen zusammenfindet, um italienische Musik zu hören und zu tanzen und die Konsonanten der Sprache durch die Nacht zu kehlen, stört sich niemand daran. Denn erstens hat es noch im September 30° um 22 Uhr, zweitens sieht der Italiener, der nicht auf der Rampe ist, genau dann fern und gewohnt ist man das alles ohnedies.

Die jungen Burschen werden am frühen Morgen noch im Dunkel wieder hier sein: Um im Ölzeug, kurz palavernd, sich auf die Boote verteilend dem Geschäft nachzugehen: Fischen.

Sobald sie weg sind und die Sonne da, gibt es die Rampe wieder als Zweck. Alte Damen mit tiefen, rauchigen Stimmen kehren Staub in den Staub, rollen dabei virtuelle Zebrastreifen aus wie die Köter, die vom Hundegott beschützt mitten auf der Kreuzung sitzen und wahllos alles ankläffen, was sich nicht im Stillstand befindet. Die Damen dagegen verteilen ihre Worte lebensgerecht. Autos und Mopeds hupen ihnen Freundschaft zu.

Greise tschickrauchende pensionierte Fischermänner kurven mit ihren standgasbetriebenen Altlasten schaltkulissenrätsellösend im ersten Gang die Steigung hinauf. Sie brillieren die 90°-Winkel weitgehend richtungsentmachtet, jedoch unfallfrei, nachdem sie die Weinflaschen, von welchen sie am Vorabend entsorgt wurden, nun selbst entsorgt haben.

Manchmal dachten wir uns, dass ein besseres Leben nicht denkmöglich sei als jenes, täglich zu fischen und täglich die Rampe zu bekreisen. Was für ein entzückend beschaulich Dasein! Was ein Leben! Und überhaupt: Alle Neukaufverweigerer oder Verschrottungsprämienverpasser werden da um den Begriff der Nachhaltigkeit nachhaltig belehrt. Denn Fahrzeuge, die man bei uns nicht mal auf dem Schrottplatz noch findet, sind hier nach wie vor munter unterwegs. Hier ist irgendwie alles gut.


Fotos/Film & Text © Peter Philipp 2019