Früher wurden Autos nicht am Computer entworfen. Nein, es gab zum Beispiel Skizzen auf Servietten, die dann am Reißbrett in den nachfolgenden Schritten grafisch ausformuliert wurden. Danach wurde ein Meisterbock gefertigt, der die Form des zukünftigen Autos zum ersten Mal dreidimensional erlebbar machen sollte.

Dieses Modell war entweder aus Ton, aus Holz oder eben, wie im Fall des VW Käfers in den Neunzehndreissigern, aus Wachs.

Dieser Werkstoff hat den großen Vorteil, im Aggregatzustand bei Zimmertemperatur leicht formbar zu sein und in der Kühle schnell auszuhärten. Das Wachs konnte mit Lebensmittelfarbe sehr lustvoll in glaubwürdigere automobile Trendfarben transformiert werden als Bienenhoniggelb. Schwarz zum Beispiel.

Bild © 1zu87.com

Des VW Käfers Wachsmodell wurde, nach dem der Wagen flügge- und in die Natur ausgesetzt worden war, ordnungsgemäß beschriftet, in Papier und Alufolie verpackt und in einem kühlen Lagerraum verstaut. So war das damals.


Mitte der 50-Jahre machte sich Porsche daran, den von 1948 bis 1965 gebauten 356er durch ein neues Modell ersetzen zu wollen. Der 356er war überaus erfolgreich gewesen mit über 76.000 gebauten Exemplaren. Die Leistungseskalation begann bei 40 PS und gab sich über die Jahre mit 130 PS zufrieden .


Erwin Komenda war der Leiter der Porsche-Karosseriekonstruktions-abteilung und darum bemüht, designspezifische Merkmale des Käfers auf den kommenden 911 zu übertragen. Die frei erdachte Legende besagt, dass Erwin Komenda zu gegebenem Zeitpunkte den Käfer-Meisterbock sehen wollte, der Inspiration halber.

Die Mitarbeiter sollen im Moment völlig überfragt gewesen sein, wo das Modell sich denn befände.

Ein junger Lehrbursche namens Butzi wurde beauftragt, das Teil zu suchen, zu finden und zu überbringen. Er sollte später der Designer des 911ers werden, als er im Hochsommer 1957 den Wachsmodell-Käfer auf Erwins Schreibtisch stellte und zwar an einem Freitag Nachmittag, als Komenda bereits in seinem 356er nach Hause gefahren war.

Porsche 356

Erwin Komenda, ein Österreicher übrigens, verbrachte das glühend heiße Wochenende schwimmend im Riedsee bei Stuttgart und war sehr entspannt am Montag in seinem Büro erschienen.

Was er auf seinem Schreibtisch entdeckte allerdings, ließ ihn als Designer, der er auch war, in tiefgründige Gedanken verfallen. Der Wachs-Käfer hatte nämlich ein ebenfalls heißes Wochenende hinter sich gehabt, fand sich aber formal in einer Gestalt, die ihn nach dem Lehrling Butzi rufen ließ.

Butzi erschien, machte einen verschüchterten Diener und wurde angewiesen, Platz zu nehmen. Erwin befragte Butzi nach dem Modell und weil Butzi zwar nur ein Lehrling, aber nicht dämlich war, erklärte er Erwin den geschmolzenen Käfer so, dass Erwin glauben musste, Butzi hätte ihn noch am Freitag in spontaner und leidenschaftlicher Eigenregie umgeformt, weil er das als Lehrling zwar nicht dürfe, aber eine Vision von einem neuen Porsche in sich trug, die so zwingend artikuliert werden musste, dass er dem innerlichen Druck nicht standgehalten hätte.

Erwin betrachtete während Butzis Ausführungen den Wachshaufen mit fragender Miene. Nachdem Butzi fertig war, meinte Erwin, wir gehen mal zum Chef.

ea5e0-porsche_8496

Erwin und Butzi, der den Klumpen trug, fanden sich wenig später in Ferry Porsches Büro wieder und dieser soll ohne große Umschweife die Wachswölbung als neuen Entwurf zum 911er abgesegnet haben.

Erwin war nicht ganz so begeistert wie Butzi, der eigentlich Ferdinand Alexander Porsche hieß, trotzdem wurde Butzi der Urheber des Designs vom 911 bzw des 912.

Jedenfalls wurde das neue Auto zum Flachkäfer erklärt und der Käfer selbst bekam den Spitznamen Kugelporsche.


Der Porsche 912 ist ein 911, aber als dessen Einstiegs-Version gedacht gewesen. Er war kostengünstiger, schlug aber mit 90 PS keine Wellen in den Asphalt, wie auch der fetter motorisierte 911er mit seinen 130 PS nicht. Trotzdem lief der Porsche über 180 Sachen. Da er nicht mal eine Tonne wog, war auch die Beschleunigung für die damalige Zeit durchaus beachtlich und selbst heute ist zum Beispiel der Tata Indica 1.4 TD bloß eine halbe Sekunde schneller auf 100.

Der 911, dessen eigentlicher Spitzname auf Elfer lautet, als vom Entwurf her reinrassiger Sportwagen, war als 2+2-Sitzer natürlich eng geschnitten, trug den Motor selbstverständlich hinten (wie der Käfer) und war relativ niedrig und damit dem Wachshaufen gleich.

Trotzdem fand sich vorne noch ein brauchbares Kofferräumchen, das so viel Gebäck aufnehmen konnte, als dass man die Brote nicht auf den Rücksitzen zu transportieren hatte.


Die vorderen Kotflügel wurden von der Idee geprägt, wissen zu wollen, wo sich die Vorderräder befänden. Diese Idee entstammt dem Rennsport, wo es üblicherweise eine Rolle spielt, den Lenkeinschlag der Räder kennen zu wollen, ehe man in die Mauer rauscht.

Beim 912 sieht man die Vorderräder trotzdem nicht, aber bezüglich der Existenz von Hinterrädern kommt man von innen ja auch über die Vermutung nicht hinaus.

Zu fahren ist das Vehikel durchaus amüsant: Der Wagen übersteuert arglistig in flotten Kurven und der puristische Vierzylinder klingt wie zwei Käfer zur Paarungszeit. Ausserdem hat man ein Käfer-Lenkrad in Händen und das Gefühl, dass nichts weitergeht.


In schwachen, nostalgischen Augenblicken wünschte ich mir, einen Song der Beatles in jener kindlichen Magie zum ersten Mal zu hören, die aus dem Neuen eine Leidenschaft selber baut. Genau so gern würde ich diese Begeisterung empfinden wollen, indem mich das Design des neuen 911ers in den Sechzigern völlig abschraubte.

Mittlerweile jedoch haben wir den 911 gleich einer determinierten Formensprache im Langzeitgedächtnis. Ein Blick, und er wird sofort identifiziert als der, der er ist. Er ist vielleicht sogar bekannter als die Beatles, und die waren schon bekannter als Jesus…..


Fotos & Text © Peter Philipp 2020