Leise streiche ich um den Wagen, der flach vor mir auf dem Boden liegt. Die Umrundungen dienen dem Zweck, mich zu beruhigen und mir Gedanken darüber zu machen, was ich da umrunde. Immerhin werde ich gleich drinsitzen, starten und in der Erwartungshaltung losfahren, lebend wieder zurückzukommen.

Die Corvette C7 Z06 ist die gepfefferte Variante der Baureihe und leistet um satte 100 PS mehr als der stärkste Audi R8. Der dagegen hat aber, wie alle R8, Allradantrieb. Beide indes spielen in der Liga von Ferrari, Lamborghini oder Porsche etc., also in einer Klasse, die den PilotInnen aus fahrtechnischer Sicht im Sturmfalle mehr abzuverlangen vermag als beim Cruisen über den Sunset Boulevard.


Die „Korvette“ ist bzw. war eigentlich ein Boot: ein kleines Kriegsschiff, das flott und wendig ähnlich einer Fregatte den Feind mit bis zu 24 Kanonen an Bord perforieren konnte.

Da Österreich nicht bei der NATO ist und wir dadurch stark benachteiligt werden, indem wir bei den amerikanischen Angriffskriegen nie mitmachen dürfen, lässt sich mit einem kleinen amerikanischen Kriegsschiff nun doch mal ein Manöver auf neutralem Boden ausführen.

Nach den ersten Kilometern fahre ich das Schnellboot mal ran, um den Sitz nachzujustieren. Irgendwie drückt mich die Enge, die nach vorne und oben herrscht. Der Sessel geht aber nicht weiter zurück und wenn ich den Versuch nicht aufgebe, werde ich den Wagen in die Länge gezogen haben.

Um zumindest nach oben hin ein Raumgefühl entwickeln zu können, nehme ich das Targa-Dach raus, verstaue es im Kofferraum, der dadurch hinfällig wird. Mein Fotoequipment kommt auf den Beifahrersitz.

Bevor ich meinen Sohn Toto von der Schule abhole, muss also ich nochmal heim, um Platz zu schaffen mit dem Beschluß, das Dach zuhause rauszuwerfen.

Der Herr Nachbar steht kopfschüttelnd am Fenster, als ich versuche, die Corvette zuhause rückwärts aufwärts so einzuparken, dass sie nicht am Boden streift. Dann nämlich würde der vierschlotige Auspuff mit Schotter aufgefüllt werden, was aus dem maskulinen Brabbeln der acht Kanonen eine Rasseltante gemacht hätte.

Wie schon alle vorherigen Corvettes ist auch die siebte Generation dieser Baureihe nicht in verschämter Bescheidenheit gezeichnet worden, sondern noch breiter, noch flacher, noch akzentuierter und vor allem nicht mehr so rundgelutscht wie die C5 bzw. C6. Eine gewisse, zu einer Gewalttat motivierte Agressivität liegt in der Äusserlichkeit und wird durch den Antrieb manifestiert. Drinnen ist die Karre einfach nur hässlich wie ein Billig – Japaner aus den 80ern.


Aussen haben die Designer viele Konstanten der Vergangenheit weiterverfolgt: Die lange Motorhaube, die versteckten Scheibenwischer, die Taille von Marylin Monroe, die wie eine Cola – Flasche aussah und die geschwungenen Kotflügel gehen in der Designgeschichte weit zurück und fanden ihre stilbildendste Ausprägung in der Corvette C3, die von 1967 bis 1982 gebaut worden war.

Corvette C3

Von den Fans wird die C3 als amerikanische Design – Ikone verehrt, obwohl die wesentlichsten formalen Einflüsse gar nicht aus Amerika, sondern aus Europa gekommen waren. Zwar war der Auftraggeber jenes Wagens, der den Stil der C3 prägen sollte, ein Amerikaner gewesen, dennoch spielte es sich in Italien ab, wo der Arnolt Bristol bei Bertone gefertigt wurde.

Arnolt Bristol

Franco Scaglione, dessen Feder auch der grandiose Alfa Romeo 33 Stradale entsprungen war, entwarf dieses Auto. Bristol selbst übrigens war britisch, das Fahrwerk bayrisch, das Design also italienisch und verkauft wurde er vorwiegend in den USA.

Somit hat auch diese Corvette Turiner DNA im Genpool, wenngleich dieses spezielle Modell sich äusserlich und auch innerlich von der normalen C7 unterscheidet. Diese C7 Z06 leistet knapp 660 PS und damit fast 200 PS mehr als die Hausmannskost – C7. Man hat dem 6,2 Liter-Achtzylinder einen Kompressor drangeflanscht, der auch das Drehmoment in den Wahnsinn treibt: 881 Nm bei 3500 Umdrehungen!

Die neueste Generation übrigens, die gerade am Markt andockt, trägt den Motor erstmals nicht mehr schnäuzlings, sondern mittig wie der R8, was gut ist der Gewichtsverteilung wegen.


Toto sitzt jetzt im Auto. Er sieht zwar vorne nicht raus, aber oben immerhin und er bestaunt die infernale Beschleunigung anhand der absurden Geschwindigkeitszunahme der Bäume.

Meine pubertierende Tochter Leni will dagegen aus hormonellen Gründen nicht mit so einem Auto von der Schule abgeholt werden, während mein Jüngster, Niki, schon der ganzen Volksschule den Auftritt der Corvette angekündigt hatte. Und so stehen die Kinder ums flache Auto rum und fühlten sich plötzlich sehr groß.

Groß werden auch ihre Augen: 315 km/h und 3,8 Sekunden auf Hundert würde in den Autoquartetten zwar noch unterhalb eines Pagani oder Bugatti gehandelt werden, jedoch immer noch das obere Mittelfeld bespielen (der Audi R8 GT ist ein Haucherl schneller….).

Der kollektive Wunsch: Wegbrennen! Da sich aber ca. 3,8 Sekunden vor uns eine Mauer befindet, wird es wohl nur ein kurzer, aber heftiger Gasstoss werden:

Niki drin, Türen zu, anstarten. Die Kinder rundum machen ihre letzten Scherze, Vollgas. Natürlich reisst es vor der Volksschule ein Zeitportal auf, das Trompetenquartett am Heck röhrt im Fortissimo ein flottes Glissando, die Corvette macht einen kleinen Schlenkerer, sammelt sich und schon werfen wir wieder den Anker (die Bremsen beissen wie Edward Cullen).

Zwei kurze, tiefschwarze Striche verblassen in der Gelassenheit einiger Monate zu einem Hellgrau, sodass die Missetat bis heute meinem einst beinahe makellosem Ruf zynischen Schaden zufügt.

Man wird mir hoffentlich irgendwann vergeben, denn die Corvette liefert den Hinterrädern über armdicke Antriebswellen je 329,5 PS zur Verarbeitung aus und den Piloten dadurch einer Verantwortung, mit welcher man auch einen Staat lenken können sollte.


Die wesentlichsten Erkenntnisse dieses Tages sind die üblichen: Für so viel Kraft auf zwei Rädern sollte man ein besserer Autofahrer sein erstens, denn gerade bei fideler Gangart sind, trotz der rettwilligen Assistenzsysteme, viel Gefühl und Vorsicht angebracht. Der R8 ist da aufgrund seines Allradantriebes wesentlich vertrauensvoller zu manövrieren. Zweitens scheinen die 300 PS eines Cupra Leon (jener mit Allrad) die lustigere Lösung zu sein. Denn irgendwie ist die Corvette insgesamt von Allem etwas zuviel……


Text & Fotos © Peter Philipp 2020